„Wir wollen nicht mehr kastrieren“

Aus der Kastration der männliche Ferkel aussteigen – das will Diedrich Pritschau aus Westerrade, Schleswig-Holstein. Zusammen mit Berufskollegen hat er dafür die Kampagne „100.000 Improvac-Tiere“ gestartet.

Das Interview führte Martina Hungerkamp für agrarheute.

Wer hatte die Idee zur Kampagne?

Die norddeutschen Sauenhalter. Wir sind die Sauenhalter-Arbeitskreise der Landesbauernverbände Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland, Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe. Außerdem beteiligt sich noch das Netzwerk Sauenhaltung aus Schleswig-Holstein.

Wie viele Sauenhalter stehen grob dahinter?

Es gibt da keine explizite Umfrage. Aber als wir unsere Idee in den einzelnen Arbeitsgruppen vorgestellt haben, war ich positiv überrascht, wie eindeutig die Zustimmung war, komplett aus der Kastration auszusteigen.

Was möchten Sie mit der Kampagne erreichen?

Dass sich die gesamte Branche endlich mit ­diesem Thema beschäftigt. Bisher wurde viel geredet und es gab verbale Absichtserklärungen, aber die konkrete Umsetzung haderte. ­Jeder Landesverband hat für sich seine Sorgen bearbeitet. Auch die Schlachthöfe haben nicht gesagt, wie sie abrechnen wollen. Zum Glück gibt es aber auch positive Beispiele wie Tummel und jetzt auch Tönnies. Dort werden Improvac-Eber nach der Standardmaske bezahlt. Das muss unser Ziel sein – die faire Bezahlung der geimpften Eber.

100.000 Masteber, die gegen den Ebergeruch geimpft sind, wollen norddeutsche Sauenhalter im ersten Halbjahr 2020 vermarkten. Quelle: Adobe Stock

Was antworten Sie denen, die gegenüber Improvac skeptisch sind?

Das Verfahren ist ein Weg, neben der Ebermast, eine unserer großen Baustellen in der Sauenhaltung endgültig zu beenden. Die Impfung gegen den Ebergeruch wird seit 20 Jahren in verschiedenen Ländern erfolgreich durchgeführt. Das Medikament hat null Tage Wartezeit und wirkt im männlichen Tier wie eine Impfung. Der Weg ist absolut sicher in der Handhabung und Wirkung. Die Tiere im Stall verhalten sich ab der zweiten Impfung, also ab etwa 90 kg Lebendgewicht, wie ganz normale Kastrate. Es herrscht absolute Ruhe ohne ­Ebergeruch im Stall. Bis dahin wachsen sie aber genauso schnell wie die Eber.

Wie empfinden Sie auf Ihrem Betrieb den praktischen Umgang mit Improvac? Gibt es Probleme?

Nein, es gibt absolut keine Probleme im Stall. Im Gegenteil, ohne Kastration macht die Arbeit im Sauenstall mehr Spaß. Die zweimalige Impfung in der Mast ist, nach einer guten Einweisung, für jeden Tierhalter eigenständig durchführbar. Es verlagert natürlich einen kleinen Teil der Arbeit und der Kosten in den Mastbereich.

Wie wollen Sie reine Mäster überzeugen, ­mitzuziehen?

Diese Frage muss noch beantwortet werden. Ich könnte mir eine zweigeteilte Ferkelmaske vorstellen. Kastrierte Ferkel müssen etwas teurer sein als die unkastrierten. Aber Mäster haben auch klare Vorteile. Die Improvac-behandelten Eber haben eine bessere Futterverwertung und wachsen schneller. So kann ein Großteil der Impfkosten gedeckt werden.

Wie viel kostet Sie die Impfung konkret?

Das Medikament Improvac kostet im Augenblick 1,50 Euro pro Dosis und die Arbeit würde ich mit etwa 0,20 Euro bewerten. Also ent­stehen ungefähr 3,40 Euro Mehraufwand pro männlichem Schwein in der Mast. Aber alle anderen Kastrationswege kosten in der Zukunft auch mehr Arbeit und Geld.

Können die Mehrkosten am Markt erlöst werden oder braucht es eine Art Subvention?

Nein, wir brauchen keine Subventionen. Wir Schweinehalter setzen auf den Markt. Am ­Ferkelmarkt wird sich etwas tun. Ich denke, die Preise werden sich über den Schlachtmarkt ­regeln. Wie schon gesagt, Voraussetzung ist, dass die geimpften Eber nicht nach der Ebermaske abgerechnet werden, sondern nach der Standardmaske.

Wie viele gegen Ebergeruch behandelte Tiere wurden inzwischen abgeliefert?

Die Kampagne soll erst Anfang 2020 richtig starten, aber unsere ersten 1.000 Tiere sind geschlachtet. Einige Schlachthöfe haben ebenfalls schon Erfahrungen mit diesen Schlachtkörpern gemacht. Es bewegt sich also endlich etwas!

Von der Politik erwartet das Bündnis eine neutrale Haltung. Quelle: Hungerkamp

Welche Signale empfangen Sie von Ihren Kollegen und der berufsständischen Vertretung?

Es gibt einfach noch zu viele Vorurteile gegenüber der Impfung gegen Ebergeruch und viel zu wenig eigene Erfahrungen in allen Bereichen unserer Kette, aber ein großer Teil der norddeutschen Sauenhalter möchte aus der Kastration aussteigen. Aus Verbandssicht werden alle möglichen Wege intensiv und neutral verfolgt. Es gibt gewisse regionale Schwerpunkte, die aber unter dem großen Dach des Deutschen Bauernverbands genügend Platz finden.

Was wünschen Sie sich von der Politik und von der abnehmenden Seite?

Von der Politik erwarten wir eine neutrale Haltung und die finanzielle Unterstützung von kleinen Forschungsprojekten. Die abnehmenden und verarbeitenden Betriebe sollen sich endlich mit dem etwas anderen Schlachtkörper beschäftigen, statt mit irgendwelchen Vorurteilen und Gerüchten. Es gibt absolut keinen Grund, das Fleisch dieser Tiere extra zu deklarieren. Und der Lebensmitteleinzelhandel muss endlich Farbe bekennen und nicht nur bei Frischfleisch aus der Kastration aussteigen, ­sondern auch bei verarbeiteter Ware diesen Weg konsequent weiterverfolgen.

Gab es Reaktionen seitens der Abnehmer? ­Haben Sie Abnahmegarantien?

Ich habe das Gefühl, die absolute Abwehrhaltung der Schlachthöfe ist gebrochen. Der Lebensmitteleinzelhandel verkündet vollmundig, dass er alles abnimmt, aber die Verarbeiter haben noch Baustellen. Diese müssen wir zusammen angehen.

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