Julia erzählt, wie ihr Klischees den Weg zur Betriebshelferin erschwert haben. Denn einige Menschen denken immer noch Frauen gehören an den Herd und nicht auf große Maschinen. Ihr erstes Vorstellungsgespräch verlief daher nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

„Kein Job, weil ich eine Frau bin.“

Julia erzählt, wie ihr Klischees den Weg zur Betriebshelferin erschwert haben. Denn einige Menschen denken immer noch Frauen gehören an den Herd und nicht auf große Maschinen. Ihr erstes Vorstellungsgespräch verlief daher nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Betriebshelferin Julia aus Baden-Württemberg.

Betriebshelferin Julia aus Baden-Württemberg.

Hallo Hofhelden,

als ich mich dazu entschlossen hatte, mich als landwirtschaftliche Betriebshelferin zu bewerben, war ich anfangs sehr zuversichtlich, schnell bei einem Maschinenring eine passende Stelle zu finden. Qualifizierte Fachkräfte, die dazu noch jung und motiviert sind, sind doch überall gesucht. Dachte ich … Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mein Geschlecht bei der Anstellung ein Hindernis sein könnte.

Aber von Anfang. Nachdem mein Vater sich im April gänzlich von seiner Hüft-OP erholt hatte, war es an der Zeit wieder arbeiten zu gehen. Also beschloss ich, gleich beim Maschinenring in nächster Nähe anzurufen, und nachzufragen, ob sie denn momentan Betriebshelfer einstellen. Am anderen Ende der Leitung war eine euphorische Frauenstimme zu hören die mir begeistert versicherte, sie würden Betriebshelfer einstellen und ich solle doch einfach zu einem Vorstellungsgespräch vorbeikommen.

Gleich am kommenden Freitag machte ich mich – mit all meinen Zeugnissen, Arbeitszeugnissen und meinem landwirtschaftlichen Gesellenbrief im Gepäck – auf den Weg. Dort angekommen wurde ich freundlich in Empfang genommen und ich freute mich, dass es schon so positiv losging und war guter Dinge. Ich sollte dann zunächst ein bisschen von mir erzählen. So fing ich an, von meiner schulischen Ausbildung über meine Lehre zur Landwirtin bis hin zum Winterdienst und den Waldarbeiten, die ich übernahm, als mein Vater ausgefallen war.

Frau = Hauswirtschaft. Oder?

Ohne wirklich auf meine Erzählung und das gesamte Gespräch einzugehen, wurde ich dann von der netten Dame gefragt: „Ja, aber Hauswirtschaft machen Sie schon auch?“ Im ersten Moment fiel mir erst einmal die Kinnlade runter und ich wusste gar nicht, was ich darauf antworten sollte, da ich die Frage auch nicht richtig einzuordnen wusste. Denn ich war mir sicher, ausdrücklich erwähnt zu haben, dass ich als LANDWIRTSCHAFTLICHE Betriebshelferin angestellt werden möchte.

Ich erwiderte daraufhin, dass ich ja keine hauswirtschaftliche Lehre habe und dass ich einfach als Landwirtin bei ihnen angestellt werden möchte und ob sie denn momentan keinen Bedarf an landwirtschaftlichen Betriebshelfern hätten. Daraufhin bekam ich die Antwort: „Doch, aber in der Hauswirtschaft würden Leute fehlen, die sowohl Melken als auch den Haushalt schmeißen können.“ Und ob ich nicht im Notfall in der Hauswirtschaft aushelfen könnte.

Julia erzählt, wie ihr Klischees den Weg zur Betriebshelferin erschwert haben. Denn einige Menschen denken immer noch Frauen gehören an den Herd und nicht auf große Maschinen. Ihr erstes Vorstellungsgespräch verlief daher nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Julia kann mit großen Maschinen umgehen. Foto: privat

Im ersten Moment überlegte ich mir wirklich, ob ich vielleicht notfalls in der hauswirtschaftlichen Betriebshilfe einspringen sollte. Andererseits wäre es mir himmelangst, wenn ich eine fünfköpfige Familie wochenlang bekochen müsste, denn außer Nudeln mit Soße und Tiefkühlpizza würde es nichts Anderes zu essen geben. Da ich keineswegs ein Profikoch bin und mir im Übrigen die Hausarbeit absolut keinen Spaß bereitet, wäre ich als Betriebshilfe in der Hauswirtschaft mehr als eine Niete.

Als ich diese Problematik zu verstehen gab, traf ich auf Unverständnis. Wie es denn sein könne, dass man als Frau nicht kochen kann? Und man könne es doch wenigstens versuchen, so schwer sei das ja nicht. Womöglich wurde ich schon beim Klang meiner weiblichen Stimme am Telefon sofort mit der Hauswirtschaft assoziiert. Und dieses Bild konnte ich auch durch Zureden nicht mehr ändern.

„Aber Traktor fahren können Sie schon?!“

Wir verblieben also so, dass ich mir noch einmal Gedanken darüber mache und eine Nacht darüber schlafe. Auf dem Weg zur Tür, wurde mir dann noch die Frage gestellt: „Aber Traktor fahren können Sie schon?!“ Zunächst hielt ich das für einen schlechten Witz, doch dann wurde mir klar, dass man mir die ganze Zeit nicht zugehört hatte. Denn ich hatte ja erzählt, dass ich sowohl Holzrückezug als auch Winterdienst gefahren bin und im Übrigen sollte man nach einer abgeschlossenen Landwirtschaftslehre Traktor fahren können.

So fuhr ich also frustriert und sehr aufgewühlt nach Hause und erzählte meiner Familie von meinem “tollen“ Vorstellungsgespräch. Ich war schockiert und erschrocken darüber, dass einige Menschen immer noch denken eine Frau gehöre nur an den Herd und könne mit großen Maschinen nichts anfangen. Denn während meiner ganzen Lehrzeit ist es mir nie passiert, dass mir jemand etwas nicht zugetraut hat, nur weil ich ein Mädchen war.

Julia erzählt, wie ihr Klischees den Weg zur Betriebshelferin erschwert haben. Denn einige Menschen denken immer noch Frauen gehören an den Herd und nicht auf große Maschinen. Ihr erstes Vorstellungsgespräch verlief daher nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Julia bei der Holzarbeit. Foto: privat

Trotzdem überlegte ich mir, das Angebot, in der Hauswirtschaft auszuhelfen, anzunehmen, bevor ich gar keine Anstellung bekommen würde. Doch meine Mutter machte mir klar, dass diese Option weder für mich noch für die betreffenden Familien zufriedenstellend sein würde. Am nächsten Tag rief ich also nochmal dort an und gab zu verstehen, dass ich nur für die landwirtschaftliche Betriebshilfe eingestellt werden möchte oder gar nicht. Darauf bekam ich die Antwort, dann sei kein Bedarf.

Ich bewarb mich dann beim Maschinenring Alb-Oberschwaben, wo ich dann auch auf Anhieb problemlos angestellt wurde, obwohl ich ein Mädchen bin. Mein Arbeitsverhältnis begann im Juni. Zu diesem Zeitpunkt lag zwar noch kein Betriebshilfeeinsatz vor, er ließ aber nicht lange auf sich warten. Es kommt vor, dass die Maschinenringe sich mit Personal aushelfen, wenn kein eigener Betriebshelfer zur Verfügung steht. Und jetzt ratet mal in welchem Maschinenringgebiet mein erster Einsatz stattfand?!

Aber die Geschichte erzähle ich Euch beim nächsten Mal.

Bis dann,

Eure Julia

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