Spielzeug fürs Schwein

Schweine sind intelligenter als die meisten Hunde. Wen wundert´s, dass sie sich in einer reizarmen Umgebung langweilen.Wir zeigen, was gegen die Langeweile hilft.

Originalbeitrag von Martina Hungerkamp, agrarheute.

Schweine wollen zum Beispiel ihr Futter suchen. Futtersuche und -aufnahme zählen zu ihren Grundbedürfnissen. Können sie diese nicht ausreichend erfüllen, ist die Gefahr für Verhaltensauffälligkeiten groß. Moderne Fütterungsverfahren in Verbindung mit der Vorlage von Futterkonzentraten (gemahlen, flüssig), so Dr. Eckhard Meyer vom Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, können die Kaumotivation der Schweine und deren natürliches Bedürfnis zur Futtersuche nicht befriedigen. Deshalb gibt es – zumindest für die Fütterung von Sauen – gesetzliche Vorgaben.

Keine Langeweile aufkommen lassen

Aber spätestens wenn es um Verhaltensauffälligkeiten, Tierwohl oder den Ringelschwanz geht, sollten Schweinehalter sich Gedanken über eine sogenannte zweite Futterstrecke für Beschäftigungsfutter machen. Die Kernfrage ist, wie man Rohfaser oder besser Beschäftigungsfutter am einfachsten ins Abteil, in den Stall, bekommt.

Das einfachste „System“ ist sicher der rüstige Altenteiler, der ein- oder auch zweimal am Tag die Schubkarre durch den Stall schiebt und in jede Bucht eine Handvoll Beschäftigungsfutter wirft – eine qualitative Tierkontrolle inbegriffen, wie auch Eckhard Meyer findet. Aber auch der fitteste Altenteiler kommt möglicherweise mal auf die Idee, seinen (Un-)Ruhestand zu genießen und in Urlaub zu fahren. Was dann? Welche Methode ist arbeitswirtschaftlich betrachtet – und für das Schwein – am sinnvollsten? Denn die Wahrheit ist auch: Handarbeit kann (sich) eigentlich keiner mehr leisten.

Automatisiert weniger Arbeit

Zum einen wären da Fütterungssysteme, die auch mit mehr Rohfaser in der Ration zurechtkommen. Es gibt Trocken- oder Multi­phasenfütterungsanlagen, die Rohfaser, zum Beispiel in Form von Stroh oder Maissilage, bis in den Trog bringen. So lässt sich individuell der Rohfaseranteil erhöhen.

Vor dem Befüllen des Einstreuroboters kann das Stroh auch gehäckselt werden. Das hat in Hinblick auf die Saugkraft Vorteile. Quelle: Werkbild, JH-Agro

Zum anderen gibt es weitere Systeme, mit denen (teil-)automatisiert Rohfaser in den Stall gebracht werden kann. Vor allem in den skandinavischen Ländern finden sich Einstreuroboter, die aus dem Rinderbereich stammen und leicht abgewandelt werden. Mit ihnen lassen sich unterschiedliche
Materialien, aber auch Rau- beziehungsweise Beschäftigungsfutter, automatisch in den Stall verteilen.

Die dänische Firma JH Agro A/S zum Beispiel vertreibt in Deutschland Einstreuroboter für Schweineställe. Der Aufbau solcher Systeme ist oft ähnlich und besteht aus:

  • einem Schienensystem – meist an der Stalldecke angebracht,
  • einer Befüllstation, die meist im Vorraum steht und in der auch Material vorgelagert werden kann,
  • einem Roboter, der an der Schiene entlang das Material in den Stall streut.

Die einzige Arbeit, die der Schweinehalter noch manuell erledigen muss, ist das Befüllen der Station.
Neben Stroh kann je nach System auch Heu, Sägemehl, Sand oder Raufutter eingestreut werden. Es gibt Roboter mit verschiedenen Fassungsvermögen und verschiedenen Ausbringungsmöglichkeiten wie einem Verteilerteller, einem Querband oder auch einem freien Fall. Die Befüllstation kann optional mit einem Ballenauflösegerät, einem Strohhäcksler oder eben einem Mixer für Raufutter kombiniert werden. Der Roboter verteilt das Material je nach Einstellung eigenständig mehrmals täglich.

 

Stroh rieseln lassen

Laut JH Agro gibt es kaum Staubprobleme, da das Material bei sehr geringer Geschwindigkeit ausgebracht wird. Die Tiere werden nicht gestresst, denn der Antrieb sei sehr leise. Es ist sogar ein Antrieb mit Batterie möglich.

Etwas anders arbeitet die „Strohmatic“ von Schauer Agrotronic. Das System kann vor allem Stroh in Form von Quader- oder Rundballen vollautomatisch in den Stall einbringen. In einem ersten Schritt wird das Stroh gemahlen. Über eine Schnecke erfolgt der Weitertransport an die Übergabe-
einheit. Dabei wird der Staub abgesaugt und rausgefiltert. Er gelangt in einen extra Behälter und wird von dort zum Beispiel direkt auf das Feld ausgebracht oder der Gülle zugeführt.

Möglichst wenig Staub im Stall sei unter Tiergesundheits- und Tierwohlaspekten eine  Grundvoraussetzung, die laut Hersteller an Bedeutung gewinnen werde. Deshalb arbeitet die Firma auch daran, den Staub weiter zu binden, zum Beispiel mit Wasser oder ätherischen Ölen.

Das Einstreu- oder Beschäftigungsfutter sollte möglichst staubfrei in den Stall gelangen. Quelle: Hungerkamp

Das vom Staub gereinigte kleingehäckselte Stroh gelangt anschließend über ein KG-Rohr in den Stall. Über jeder Bucht gibt es eine Öffnung mit einem Schieber. Je weiter er auf ist, desto mehr Stroh rieselt in die Bucht. So lässt sich die Menge einfach pro Bucht steuern. Im Schnitt braucht man rund 30 bis 40 g kleingehäckseltes beziehungsweise gemahlenes Stroh pro Tier und Tag.

Laut Schauer ist kurzgehäckseltes Stroh besser als Langstroh. Es hat eine bessere Saugkraft, wenn doch mal auf die Liegefläche uriniert wird. Alles in allem helfen diese Systeme durch die gezielte Gabe von Stroh oder anderem Raufutter, Kosten zu sparen.

Zweite Futterstrecke

Eckhard Meyer hat sich intensiv mit der sogenannten zweiten Futterstrecke beschäftigt. „Es geht um die Vorlage organischer Beschäftigungsmaterialen in hoher Frequenz.“ Seiner Meinung nach wäre der fitte Altenteiler beziehungsweise ein Mitarbeiter mit Schubkarre und Schaufel in der Hand beinahe die beste Lösung. „Das erhöht die Qualität der Tierbeobachtung im Gegensatz zu automatisierten Systemen.“

Eckhard Meyer stört sich auch daran, dass es eigentlich immer ausschließlich um Heu oder Stroh geht. „Schweine sind keine Strohfresser. Sie kauen das Material zwar, aber sie fressen es nicht.“ Das befriedige nur bedingt und interessiere die Tiere nicht nachhaltig. Besser sei alles, was an Bucheckern, Eicheln oder Waldboden erinnere, also zum Beispiel Grascobs, Luzernepellets, andere pelletierte, rohfaserreiche Ergänzungsfuttermittel oder Wühlerden.

Dazu braucht man nicht unbedingt eine aufwendige weitere Technik, die viel kostet. Viele Firmen, die sich mit Trockenfutterketten beschäftigen, wie AcoFunki, En-Sta oder IBO Stalltechnik, bieten Lösungen an. Die Frage ist, ob man die Raufuttergabe in die vorhandene Futterstrecke integrieren kann oder ob man wirklich eine zweite Futterstrecke benötigt.

Eckhard Meyer sagt: „Klassische Futterketten laufen zwei-, vielleicht dreimal am Tag. Es gibt inzwischen Anbieter, die ihre Futterkette mit einem zweiten Ventil oder einer Öffnung und einer Weiche versehen, sodass verschiedene Silos angesteuert werden können. Voraussetzung ist ein schüttfähiges Beschäftigungsfutter.“

Vor allem im Flatdeck kann eine zweite Futterstrecke, zum Beispiel für Maissilage, sinnvoll sein. Quelle: Werkbild, En-Sta

Laut des Wissenschaftlers sollte man sich auch fragen, wo ein solches System am sinnvollsten ist. „Einen Einsatzbereich sehe ich eindeutig in der Ferkelaufzucht. Dort gibt es am ehesten Probleme und dort sehe ich die größten positiven Effekte eines Beschäftigungsfutters.“

So hat En-Sta eine zweite Futterstrecke entwickelt, mit der zum Beispiel auch Maissilage oder anderes Beschäftigungsfutter in den Stall transportiert werden kann. Über einen Annahmetrichter wird es in eine handelsübliche Futterkette dosiert. Die größte Schwierigkeit liegt laut Hersteller in der Konstruktion dieser Annahme. Es darf zum Beispiel zu keiner Brückenbildung kommen. Sei das Gut erst einmal in der Kette, gäbe es kaum Probleme bei der Förderung. Der Annahmetrichter kann per Hand oder über eine Spirale oder Schnecke befüllt werden.

Nicht ständig, sondern gezielt

Die Idee ist dem Unternehmen zufolge, dass die Schweine nicht ständig Zugang zu großen Mengen an Beschäftigungsfutter haben sollen. Das senkt die Attraktivität und fördert den vorzeitigen Verderb. Stattdessen wird die Kette einmal täglich befüllt. Die Anlage dosiert dann mehrmals am Tag (einstellbar sind 5- bis 25-mal) sehr kleine Mengen. So entstehen auch weniger Verluste – das heißt, weniger Beschäftigungsfutter fällt durch die Spalten, bevor die Tiere fressen oder spielen können.

Realisiert wird dieses Dosierverfahren über pneumatische Futterausläufe oder über eine eigens hierfür konstruierte Steuerung, die das kurze Anfahren der Förderkette ermöglicht, ohne den Verschleiß der Fördertechnik zu erhöhen. Die Tiere müssen das Futter aus einem senkrechten PVC-Rohr herausspielen. Optimal fällt das Futter in einen Trog. Für die Tiere wird es aber noch spannender, wenn sie das Futter am geschlossenen Fußboden „erarbeiten“ müssen.

 

Weitere spannende Beiträge aus den Bereichen Pflanze, Technik, Politik, Managament, Markt und Tier  liest du in der Septemberausgabe von agrarheute.

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