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Christina und ihre Familie haben sich bewusst dagegen entschieden, beim Spargelstechen Hilfe von Studierenden, Schülern, Kurzarbeitenden oder Arbeitslosen in Anspruch zu nehmen. Sie erklärt warum.

Spargelstechen: Warum wir uns gegen Studenten entschieden haben

Christina und ihre Familie haben sich bewusst dagegen entschieden, beim Spargelstechen Hilfe von Studierenden, Schülern, Kurzarbeitenden oder Arbeitslosen in Anspruch zu nehmen. Sie erklärt warum und warum das Spargelstechen keine leichte Aufgabe ist.

Hofübernehmerin Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Hofübernehmerin Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Hallo ihr fleißigen Hofhelden,

in den letzten beiden Blogbeiträgen habe ich versucht, Euch einen Einblick davon zu verschaffen, wie sich die derzeitige Situation auf uns als Familienbetrieb auswirkt – ein Familienbetrieb, der normalerweise am Anfang des Wonnemonats Mai in einer sehr arbeitsintensiven Zeit steckt. Intensiv ist diese Zeit für uns auch jetzt allemal, aber nicht überwiegend aufgrund der Arbeit, sondern auch aufgrund der Sorgen, die wir uns machen und Entscheidungen, die wir treffen müssen. Für diesen Einblick habe ich von Euch überwiegend positives Feedback und auch Rückendeckung erhalten, in welcher Ihr mir/uns versichert, weiterhin regional zu kaufen und uns damit zu unterstützen.

Gleichzeitig haben mich aber auch Fragen wie z.B. diese erreicht: „Warum gebt ihr denn nicht den vielen Studierenden, SchülerInnen, Kurzarbeitenden oder Arbeitslosen, die gerade nichts zu tun haben, eine Chance? Du schreibst doch selbst, dass ihr ausreichend Angebote erhaltet.“ Gerne möchte ich diesen Beitrag nutzen, Euch zu erklären, warum wir uns natürlich über die vielen Angebote freuen und diese zu schätzen wissen, es aber gleichzeitig auch sehr schwierig ist, in einem Betrieb wie unserem, diese Art der Unterstützung auch gut einzubringen.

Was genau heißt „einem Betrieb wie unserem“? Wir sind ein vergleichsweiser recht kleiner Betrieb. In einer „normalen“ Saison beschäftigen wir für die Spargel- und Erdbeerernte 20 Saisonkräfte aus Rumänien und Polen. NRW hat 289 Betriebe, welche alle Spargel anbauen, die im Schnitt ca. 20-30 ha Spargel anbauen – wir hingegen bauen lediglich 8ha an (Stand 2019).

Zu Beginn musste aufgrund des Wetters einfach nicht viel geerntet werden.

Die ersten Angebote von Unbekannt haben uns Ende März erreicht. Das in einer Phase, in der die Wetterbedingungen für den Spargel nicht allzu gut waren – deswegen konnte gar nicht viel geerntet werden. Es reichten also unsere 3 Saisonkräfte, die bereits auf dem Betrieb waren. Dass wir uns mit Blick auf hoffentlich größere Erntemenge für den für uns eigentlich aufwendigeren Weg entschieden haben, weitere Saisonkräfte einfliegen zu lassen, hat zwei wichtige Gründe.

Der erste Grund ist der in den Medien am häufigsten thematisierte: Spargel ist nicht einfach zu ernten. Es bedarf Erfahrung wie Erfahrung. Der Fotograf Timo Jaworr von agrarheute, hat sich selbst einmal einen Tag auf einem Sparglebetrieb in Hannover, dieser Aufgabe gewidmet und berichtet hier davon, wie schwierig dies ist.  Denn jede Spargelstange muss einzeln von Hand freigelegt und gestochen werden, damit keine nachwachsenden Stangen oder gar der Wurzelstock verletzt werden. Dabei besteht immer die Gefahr, dass nebenstehende Stangen oder gar der Wurzelstock beschädigt werden. Damit das nicht passiert, braucht man ausreichend Erfahrung und gutes Fingerspitzengefühl. So kann in angemessener Geschwindigkeit so geerntet werden, dass möglichst wenig Schaden entsteht. Jedoch führt es bei Routine dazu, dass mit einem Stich die Spargelstange einwandfrei geerntet ist und keinerlei Schäden an anderen Stangen und an der Wurzel entstanden sind. Auch die körperliche Anforderung ist nicht zu unterschätzen, schließlich ernten die Jungs täglich 2x mehrere Stunden. In Summe geht es um die Qualität der Ernte und um das Nicht-Verletzen der Pflanze. Denn eine Spargelpflanze ist eine mehrjährige – man sagt, dass man ca. 10 Jahre an einer Spargelpflanze ernten kann. Dies aber natürlich nur dann, wenn diese nicht in vorherigen Ernten beschädigt wurde.

Beim Spargelstechen darf die Wurzel der mehrjährigen Pflanze nicht beschädigt werden. Foto: privat

Der zweite Grund scheint banal, aber ist in solch intensiven Phasen, wie es die Spargelzeit für uns ist, nicht zu unterschätzen: Das blinde Vertrauen. 90% der Saisonkräfte, die wir beschäftigen, kommen seit vielen Jahren zu uns auf den Hof. Sie kennen die Abläufe, den Hof und die Kollegen fast blind. Sie wissen, wo Sie die benötigten Materialien zum Ernten finden, was für die Märkte vorbereitet werden muss, wann sortiert und gemeinsam gefrühstückt wird (natürlich wird derzeit in unterschiedlichen Gruppen gefrühstückt – je nach Quarantänezeit). Sie wissen, wer für welchen Bereich zuständig ist und wer welche Aufgabe hat, dass die fast 15 Wochen für alle Beteiligten sehr anstrengend werden, hier auch mal der Spargel verflucht wird 😉, dass aber immer mit einem Lächeln der Tag abgeschlossen wird und zum Abschluss der Woche das gemeinsame Bier mit dem Chef ansteht. Der liebe Hajo vom Hof Kaemena, ein Bekannter meines Vaters, der einen Spargelbetrieb in Bremen betreibt, beschreibt diese Besonderheit auf seiner Facebookseite wie folgt:

Die fehlenden Erntehelfer aus Polen sind das größte Problem. Wir bekommen zwar tolle Hilfe von vielen Seiten, dafür sind wir sehr dankbar. Aber die Leute, die die Arbeitsabläufe seit Jahren kennen, denen man mal eben schnell sagen kann: „lauft mal hin und macht mal – wie immer“, die fehlen einfach. Also läuft man selbst. Die anstehenden Arbeiten stauen sich immer weiter auf, die to-do-Listen werden immer länger.

Und genau das ist es… Die längeren to-do-Listen werden wir auf Dauer nicht abarbeiten können, weil die Zeit an allen Ecken und Enden fehlt.

Natürlich habt Ihr Recht, wenn Ihr jetzt fragt „Nun gut, sind das aber nicht alles Dinge, die kurz in einer Vorstellung des Betriebes am Anfang geklärt werden können?“ Und auch hier antworte ich gerne ehrlich: „JA, natürlich! Ohne Frage, wäre das möglich und sicherlich auch notwendig. Aaaaber (und das musste ja kommen) ist es für einen Betrieb wie unseren, der mit Saisonrestaurant / Bauernhofcafé, Hofladen und Gästezimmern noch drei weitere Bereiche zu bespielen hat, zeitaufwendig. Zeit, die wir in der normalen Saison nicht haben. Und natürlich könntet Ihr berechtigter Weise nun auch fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, die Zeit und Nerven, die wir in die Buchung der Flüge / Erarbeitung der Unterlagen etc. stecken, lieber in die Einarbeitung junger und motivierter Menschen zu investieren. Gehen wir nun aber davon aus, dass sich in manchen Bereichen, wie z.B. den Schulen, die Situation zeitnah wieder „entspannt“. Dann bedeutet dies, dass wir uns viel Zeit für die freiwilligen Helfer genommen haben, die dann wieder in ihre ursprünglichen Berufe zurückkehren und wir danach doch wieder „alleine“ dastehen. Versteht mich nicht falsch: Jede gestochene Spargelstange macht uns glücklich, egal, ob von einer gelernten Saisonkraft oder von jemandem, der uns unterstützen möchte. Aber die Spargelsaison stellt für uns als Genholter Hof die Zeit dar, in der wir unseren Hauptumsatz machen. In dieser Zeit hat jedoch der Tag auch für uns nur 24h, sodass wir schauen müssen, diese 24h so effizient wie möglich zu nutzen – und diese Effizienz lag Anfang der Saison u.a. darin, unsere bekannten Saisonkräfte aus Rumänien einfliegen und aus Polen einreisen zu lassen.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind weitreichend. Auch vor den Hoftoren der landwirtschaftlichen Betriebe macht sie nicht halt. Christina packt aus, wie es dem Spargelbetrieb ihrer Familie gerade wirklich geht und warum sie ausgerechnet jetzt besonders Dankbar ist.

Zur Spargelzeit macht der Genholter Hof den Hauptumsatz im Jahresverlauf. Foto: privat

Wir sind diesen Weg – auch wenn er anstrengend war – bewusst gegangen und haben einfach nur Glück gehabt, dass bis hierhin alles gut gegangen ist. Aber natürlich wissen wir auch, dass es anderen Betrieben anders geht. Dass ihre erfahrenen Saisonkräfte aus persönlichen Gründen gar nicht erst einreisen möchten und diese mit sehr großen Existenzängsten zu kämpfen haben.

Ich hoffe, dass die Situation sich bald für ALLE Betriebe entspannt und ich Euch in meinem nächsten Blogbeitrag wieder davon berichten kann, wie es im Zuge meiner Entscheidung „Hofübernahme: Ja oder Nein?“ steht. Schließlich rückt der 01. Juli, und damit der Tag der Entscheidung, ja auch immer näher. :-O

Bleibt gesund und lasst Euch nicht unterkriegen!

Eure Christina

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