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Smart Farming – so wird Landwirtschaft digitaler

Richtig umgesetzt bedeutet Digitalisierung eine Chance für Landwirte. Oliver Martin berät Landwirte zu Smart Farming und beantwortet hier für Dich alle wichtigen Fragen.

Originalbeitrag von Thomas Göggerle, agrarheute.

Wie können Landwirte digitaler werden und womit sollten sie starten?

Das ist die falsche Frage! Es geht nicht darum, per se digitaler zu werden, sondern erst einmal die vorhandene Technik besser zu nutzen, und letztendlich dadurch den Deckungsbeitrag zu erhöhen! Die Technik ist häufig bereits auf den Betrieben vorhanden, vielleicht kein N-Sensor, aber Traktoren mit ISOBUS-Terminals, Datentransfers und Fahrspurmanagement. Was fehlt, ist jemand, der zeigt, wie Technik und Software zusammenarbeiten, statt wieder neue Technik zu verkaufen.

Oliver Martin ist Gründer des Start-Ups FarmBlick und berät Landwirte zu Smart Farming. Quelle: Pötter

Wie starten Sie, wenn Sie einen Betrieb beraten?

Viele Betriebsleiter wissen nicht, wo sie stehen und wo Potenziale schlummern. Ich erfasse den Ist-Zustand. Welche Schlagkartei nutzt er? Wie dokumentiert er? Welche Technik wird eingesetzt? Gibt es Bodenkarten? Nutzt er ­Prognosemodelle für den Pflanzenschutz und welche Fruchtfolge fährt er?

Boden und Fruchtfolge haben doch nichts mit digital zu tun?

Doch, sehr viel sogar! Im System Landwirtschaft sind der Boden und das Bodenleben die Hauptakteure. Ändere ich einen Parameter, ändert sich alles. Mit der Digitalisierung steht uns jetzt Technik zur Verfügung, um Zusammenhänge zu messen und unseren Boden besser kennenzulernen. In der Zukunft werden Düngung und Pflanzenschutz begrenzt sein. Smart Farming bietet Landwirten die Chance, raus aus dem Reagieren und rein ins Agieren zu kommen. Sie können belastbare Zahlen liefern, um zu beweisen, dass sie beispielsweise in Teilflächen die 170 kg Stickstoff überschreiten können, um auf anderen Zonen Dünger einzusparen. Gezielter düngen, säen und spritzen – das wird nur mit Digitalisierung gehen.

Um das Thema Digitalisierung und Smart Farming werden die Landwirte langfristig nicht drum herum kommen. Quelle: Pötter

Warum steigen dann nicht mehr Landwirte in das digitale Wirtschaften ein?

Die Bürokratie drängt Landwirte ins Büro. Viele haben Angst, dass es mit der Digitalisierung genauso sein wird. Sie haben in der Vergangenheit Erfahrungen mit Schlagkarteien gemacht. Die waren bisher sehr aufwendig zu pflegen und wenig komfortabel in der Bedienung. Außerdem finden nur wenige Landwirte Zeit, um sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen – leider, weil gerade sie ein Teil der Lösung sein kann. Ich denke da an die Düngeverordnung oder die NIRS-Technik für Gülle in viehstarken Regionen. Mit der Digitalisierung haben wir die Möglichkeit, Nährstoffe dort hinzubekommen, wo wir sie in Ertrag umsetzen, bei gleichem Nährstoffeinsatz.

Gibt es weitere Hemmnisse?

Wer Smart Farming betreibt, arbeitet schnell in Grauzonen, obwohl er alles richtig oder sogar besser im Sinne von Effizienz und Umweltschutz macht. Die geltenden Gesetze und Vorschriften schränken das Potenzial von Smart Farming ein. Ein Beispiel ist der Rapsanbau. Für unterschiedlich entwickelten Winterraps im Spätjahr benötige ich unterschiedliche Aufwandmenge, um einzubremsen. Fahre ich mit dem N-Sensor oder anhand von Satellitenkarten, erkennen diese die Unterschiede im Bestand. Daher reduziere ich stellenweise meine Ausbringmenge, manchmal deutlich unter der Empfehlung der Hersteller. Wie man damit umgehen soll, ist nicht geklärt. Das ist auch der Grund, weshalb ich teilflächenspezifische Aussaat, Düngung und Wachstumsregler befürworte. Herbizide und Fungizide teilflächenspezifisch auszubringen – da wäre ich ­gerade in Bezug auf Resistenzen vorsichtig.

Digitalisierung hat nichts mit Größe zu tun! Der Druck auf größere Betriebe ist höher, da der Faktor Kosten und Arbeitszeit sich stärker durchschlägt. Quelle: Pötter

Ist Digitalisierung für jeden Landwirt geeignet?

Ja, jeder kann einsteigen. Und jeder wird Fehler machen. Wer sich Hilfe dazu holt, kann Fehler vermeiden oder gering halten. Ich rate meinen Kunden, sich nicht verrückt machen zu lassen, sondern mit Sinn und Verstand einzusteigen – aber machen! Patentrezepte gibt es keine. Dafür sind die Betriebe zu unterschiedlich. Jedem, der etwas anderes erzählt, würde ich nicht trauen!

Bei welchen Angeboten sollten Landwirte ­skeptisch sein?

Bei Angeboten, die kostenlos sind. Für Produkte aus der Landwirtschaft fordern wir einen fairen Preis, weil darin viel Arbeit, Risiko und Aufwand steckt. Genauso gilt das auch für Software und digitale Lösungen. Die Produkte müssen entwickelt, programmiert und verkauft werde. Das kostet und kein Unternehmen bietet das aus Wohltätigkeit an. Ich muss als Nutzer in jedem Fall bezahlen. Wenn es nicht mit meinem Geld ist, dann mit meinen Daten.

Wer Smart Farming betreibt, arbeitet schnell in Grauzonen, obwohl er alles richtig oder sogar besser im Sinne von Effizienz und Umweltschutz macht. Quelle: Pötter

Hat Digitalisierung mit Betriebsgröße zu tun?

Digitalisierung hat nichts mit Größe zu tun! Der Druck auf größere Betriebe ist höher, da der Faktor Kosten und Arbeitszeit sich stärker durchschlägt. Kleine Betriebe, die häufig kleinstrukturierte Flächen bewirtschaften, sparen mit Funktionen wie Section-Control an der Pflanzenschutzspritze Mittel ein und vermindern Pflanzenstress, weil sie Überlappungen und Keile besser in den Griff bekommen.

Können Landwirte die Digitalisierung aussitzen?

Nein, ich denke nicht. Langfristig werden d­igitale Arbeitsweisen als gesetzliche Auflage kommen, da sie weitere Kontrollmöglichkeiten bieten. Die Frage ist nur, wann das sein wird und ob ich es als Betrieb zu diesem Zeitpunkt noch schaffe, das Wissen und den Investitions- und Innovationsvorsprung aufzuholen.

Weitere spannenden Beiträge aus den Bereichen Pflanze, Technik, Politik, Managament, Markt und Land und Leben der Novemberausgabe findest du in der akuellen Ausgabe der agrarheute.

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