Die Corona-Krise hält für Christina immer wieder neue Herausforderungen bereit. Sie möchte ihrer Erntehelferin einen Rückflug in ihre Heimat Rumänien besorgen. Doch dieses Vorhaben bringt sie an ihre psychischen und emotionalen Grenzen.

(K)ein Rückflug für Erntehelfer

Die Corona-Krise hält für Christina immer wieder neue Herausforderungen bereit. Sie möchte ihrer Erntehelferin einen Rückflug in ihre Heimat Rumänien besorgen. Doch dieses Vorhaben bringt sie an ihre psychischen und emotionalen Grenzen.

Hofübernehmerin Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Hofübernehmerin Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Hallo ihr fleißigen Hofhelden,

wenn uns die Corona-Situation eines zeigt, dann, dass wenig läuft wie geplant. So hatte ich bereits den nächsten „Nicht-Corona“-Blogbeitrag für euch über meinen weiteren Entscheidungsweg „Übernahme: Ja oder Nein?“ geschrieben. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass die Corona Situation sich doch so langsam bitte entspannen möge. Pustekuchen…Ich möchte euch nun doch noch einmal daran teilhaben lassen, was wir in der letzten Woche – gerade in Bezug auf die Eröffnung der Gastronomie und der Rückreise von Saisonkräften – erlebt haben.

Mittwoch, 06. Mai 2020

Pressekonferenz der Bundeskanzlerin: Merkel erklärt, dass ab dem 07. Mai die Länder für jeweilige Öffnungsentscheidungen zuständig sind. Laschet, unser Ministerpräsident (NRW), hat dann angekündigt, dass die Gastronomie – natürlich unter Auflagen – schon ab dem 11. Mai öffnen darf. Zu diesen gehört zum Beispiel, dass wir unser beliebtes Frühstücks- oder Spargelbuffet vorerst nicht anbieten und unsere Gäste die Räume nur mit Mund- und Nasenschutz betreten dürfen. Auch ist die Kommunikation mit den Servicekräften untersagt, wenn diese beim Servieren von Speisen und Getränken den vorgegebenen 1,50 m Abstand unterschreiten. Diese Nachricht kommt überraschend. Wir sind erfreut und verunsichert zugleich. Erfreut, da wir doch viele Wochen darauf gewartet haben, Bauernhofcafé und Saisonrestaurant zum Spargelessen öffnen zu dürfen. Verunsichert aber dahingehend, dass wir nicht wissen, wie wir das erwartete Hygienekonzept innerhalb weniger Tage umsetzen und gleichzeitig ein neues Frühstücksangebot erarbeiten sollen. Denn schließlich stehen wir kurz vor Muttertag, an welchem im Hofladen, ähnlich wie an Ostern, viel zu tun sein wird. Zudem ist unsere Muttertags-Aktion auf großen Anklang gestoßen, sodass wir nun mehr als 60 Körbchen zu befüllen haben, die an fast ebenso viele Mütter ausgeliefert werden wollen. Nun heißt es: Ruhe bewahren und strategisch schauen, wie wir vorgehen, damit es für alle Beteiligten machbar ist.

Freitag, 07. Mai 2020

Die Auslieferung der Muttertagskörbchen hat einwandfrei geklappt und hat nicht nur den Müttern, sondern auch uns und unseren Mitarbeiterinnen, die die Überraschungsfeen spielen durften, ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Puh – das hat also schon einmal geklappt. Jetzt heißt es, sich wieder der Öffnung des Restaurants zu widmen. Das machen wir nicht nur, indem wir uns mit unserem Koch Tobias zusammensetzen, sondern auch eine Videokonferenz mit meiner Schwester Kathrin in Berlin abhalten. Wo liegen nun unsere Prioritäten? Was machen wir mit dem Frühstück? Wie viele Gäste dürfen nun wo in unserem Gastraum sitzen? Welche Unterlagen müssen geprüft und umgesetzt werden? Fragen über Fragen … Schnell wird klar, dass wir es mit Muttertag vor der Brust zeitlich nicht schaffen, ein neues Frühstückskonzept zu erarbeiten, welches zu uns passt und auch wirtschaftlich ist. Also: Das Frühstücksangebot muss eine Woche warten. Ab Dienstag, den 12.05.2020, wird mit Spargelessen und Kaffee und Kuchen gestartet. Eine Woche später, am Dienstag, den 19.05.2020, geht es mit Frühstück – am Tisch – weiter.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Die ersten paar Tage sind geschafft. Bisher sind mehr Gäste gekommen als gedacht, was uns unglaublich freut. Für uns ist das die Bestätigung, dass sich die Anstrengungen der Umsetzung aller Auflagen also gelohnt haben.

Mit den ersten Erfahrungen im Gepäck haben wir in dieser Woche die erste Telefonkonferenz mit unseren Mitarbeiterinnen abgehalten. Für manche war das sehr aufregend, haben sie doch noch nie so etwas gemacht. Jedoch haben wir nur so die Möglichkeit, alle gleichzeitig auf den neuesten Stand zu bringen und zu informieren, welche Auflagen nun zu beachten sind: Bspw., dass diejenige, die mit Gästen zu tun hat, mind. alle 30 Minuten die Hände desinfizieren muss.

Für eine unserer Mitarbeiterinnen steigt währenddessen die Aufregung. Am kommenden Montag soll es endlich mit einem der Erntehelferflüge zurück in die Heimat nach Rumänien gehen – nach mehr als vier Monaten in Deutschland, doppelt so lange wie ursprünglich geplant. Und auch hier soll nichts so laufen wie geplant und erhofft.

Freitag, 15. Mai 2020

Wie in den letzten Monaten täglich, startet auch dieser Tag mit dem Checken aller Rundmails und -faxe, die wir von unseren landwirtschaftlichen Verbänden erhalten. An dieser Stelle möchten wir uns nicht nur für die stets komprimierte Aufbereitung der Informationsflut, wenn nötig auch mehrmals täglich, bedanken, sondern auch dafür, dass die Mitarbeiter fast 24h/7 für uns als Ansprechpartner agieren, sich unserer Probleme annehmen und zeitnah nach Lösungen suchen und diese meistens auch finden 😉 DANKE DAFÜR!

Dass die übermittelten Informationen jedoch nicht immer erfreulich sind, können nun einmal auch die Verbände nicht ändern. So war es leider auch an dem besagten Freitagmorgen, an welchem wir Folgendes lesen mussten: „Nach wie vor ist eine Rückreise nach Rumänen weder per Flugzeug noch auf dem Landweg möglich. Trotz diverser Zusagen der rumänischen Behörden, Rückflüge nach Rumänien zuzulassen, werden kurzfristig vor den geplanten Flugterminen die bereits erteilten Genehmigungen aller Fluglinien immer wieder zurückgezogen und weitere Auflagen erteilt. In Regierungskonsultationen zwischen Deutschland und Rumänien soll das Thema heute angesprochen werden.“ Bei uns gingen alle Alarmglocken an: Keine Rückreise ins Heimatland möglich? Weder per Flugzeug noch per Landweg? Sollten wir unserer Mitarbeiterin ernsthaft das dritte Mal in Folge die Nachricht übermitteln müssen, dass wieder einmal die Rückreise nicht möglich ist? Unmöglich!

Wir versuchen bei der zuständigen Fluggesellschaft jemanden zu erreichen, um weitere Informationen über den Flug am kommenden Montag einzuholen. Doch keine Chance – die Hotline mit der Wartezeit von 23 Minuten gibt auch nach 40 Minuten keine Antwort, der Mailaccount scheint ebenfalls nicht besetzt zu sein und auch der online Check-In ist „derzeit nicht möglich“. Panik macht sich breit, wollten wir doch erst zu 100% Sicherheit haben, dass der Flug annulliert wurde, bevor wir der Mitarbeiterin die Nachricht übermittelten….

Samstag, 16. Mai 2020

Immer noch haben wir keine Information von der Fluggesellschaft, wie es um den Flug steht. Wir stehen zwischen „Deuten wir der Mitarbeiterin den Verlauf der Dinge schon einmal an, mit der Gefahr, dass sich dann doch alles noch zum Guten wenden wird und aller Unmut umsonst war?“ und „Warten wir, bis wir zu 100% sicher sind, dass es der geplante Rückflug nicht stattfinden wird?“. Wir entscheiden uns für die zweite Variante, auch wenn diese für manche von Euch herzlos erscheinen mag. Schließlich denkt unsere Mitarbeiterin weiterhin, dass sie in 48 h bereits in ihrer Heimat sein würde … Eines ist uns klar: wir brauchen Gewissheit.

Also entscheiden wir uns für den schon einmal erfolgreichen Weg über die Verbände: Wir schreiben alle Kontaktadressen an, die wir haben und bitten um dringende Hilfe. Vielleicht hat ja einer der Verbände die Möglichkeit, auch am Wochenende an Informationen zu den Erntehelferflügen zu kommen – wer weiß das schon? Und tatsächlich, Herr Eickhorst, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer e.V. und Herr Dr. Pauw, Hauptgeschäftsführer des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands e.V., melden sich umgehend zurück. Jedoch mit negativen Nachrichten: Die Rückreise mit dem Flugzeug ist tatsächlich eingeschränkt und auch die über den Landweg ist nur sehr unsicher. Auch sie lassen uns wissen, dass sie ihre Kontakte bei der zuständigen Fluggesellschaft nicht erreichen. Dass sie aber dranbleiben und sich zeitnah zurückmelden, sobald es etwas Neues gibt. Verständnislosigkeit macht sich auf allen Ebenen breit. Wir sind kein Stück weiter …

Zum gefühlt 100. Mal versuchen wir, unsere Mitarbeiterin doch noch online einzuchecken. Irgendwann MUSS es doch einmal eine Information zum Flug geben und wahrhaftig, da stand es: „Ihr Flug nach Iasi wurde leider annulliert.“ Wir sind nicht sicher, ob wir froh oder traurig darüber sein sollen, dass wir nun endlich Gewissheit haben. Es nützt nichts – wir müssen es nun unserer Mitarbeiterin erklären. Wie auch immer wir das anstellen würden. So gehen meine Mutter und ich zu ihr. Als sie uns zusammen sieht, weiß sie bestimmt schon, dass etwas nicht stimmt. Konnten wir es ihr, nachdem wir ihr bereits zwei Mal diese Nachricht übermitteln mussten, verübeln? Wir haben es noch nicht ganz ausgesprochen, schon fließen Tränen – und das nicht nur bei unserer Mitarbeiterin.

So gerne hätten wir die Vorfreude auf zu Hause weiter mit ihr geteilt. Hätten uns weiter mit ihr gefreut, dass sie ihren Partner und ihre Eltern bald wieder in die Arme schließen kann. Stattdessen mussten wir sie nun mit dieser Information verletzten. Hinzu kommt außerdem, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Idee haben, wie es für sie nun überhaupt nach Hause gehen könnte.

Vor dem Gespräch hatte ich mit meinem Vater, der zu diesem Zeitpunkt auf einem Wochenmarkt stand, Rücksprache gehalten, dass wir versuchen würden, auf den für uns möglichen Wegen eine Rückfahrt für sie zu arrangieren. Aber auch das ist nicht möglich. Unfassbar, wie hilf- und machtlos man sich fühlen kann …

Montag, 18. Mai 2020 am Vormittag

Ein für uns aufreibendes Wochenende liegt hinter uns. Nicht nur, dass wir psychisch teilweise an unsere Grenzen gekommen sind, sondern auch körperlich ist es unfassbar anstrengend. So ist die Erfüllung der Hygieneanforderungen selbst bei einem nur zur Hälfte besetztes Restaurant nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Kraft gibt uns in diesen Tagen nicht nur die Unterstützung der Familie und der Mitarbeiter, sondern vor allen Dingen auch die positive Rückmeldung unserer Gäste. Sie akzeptieren all die Regeln und Hinweise und sprechen uns ihre Hochachtung dafür aus, dass wir alle Vorgaben nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen…

Am Vormittag geht es für mich ausschließlich darum, eine Rückreisemöglichkeit für unsere Mitarbeiterin zu organisieren. Seitens der Verbände erhalten wir weiter die Rückmeldung, dass eine Rückreise aufgrund der Vereinbarung der Bundesregierung eigentlich nur mit dem Flugzeug möglich ist. In der aktuellen Situation gestaltet sich dies allerdings schwierig, denn gleichzeitig erhalten wir eine Mail der Fluggesellschaft mit folgendem Inhalt: „Leider können wir Ihnen aktuell bis auf weiteres keine Flüge von Deutschland nach Rumänien anbieten. Die rumänischen Behörden erlauben uns nicht, Passagiere zurück zu fliegen und leider bekommen wir auch keine Antwort, warum die Einreise verweigert wird.“

Alles klar – sollen wir unsere Mitarbeiterin nun jetzt zu Fuß auf den Heimweg schicken? Unverständnis und Frustration macht sich bei den Verbänden wie auch bei uns als Betrieb breit. Uns wird bewusst, dass unsere Mitarbeiterin das Vertrauen in uns und die Behörden schon lange verloren hat und wohl nie mehr als Saisonkraft nach Deutschland kommen wird. Ganz unverständlich ist es wohl nicht – wenn wir uns vorstellen, dass uns unsere Heimreise verwehrt würde…

Montag, 18. Mai 2020 am Nachmittag

Wir führen viele weitere Telefonate, mit Verbänden, Vermittler, anderen Betrieben und versuchen einen Platz in einem Bus für unsere Mitarbeiterin zu ergattern – und das tatsächlich mit Erfolg. Jetzt heißt es nun nur noch abzuwarten, ob dieser Bus auch wirklich wie geplant bei uns ankommen, unsere Mitarbeiterin mitnehmen und auch heil nach Rumänien bringen wird.

Jetzt mussten wir uns jedoch noch unserem zweiten Projekt widmen: Dem neuen Frühstücksangebot. In der vergangenen Woche haben wir natürlich auch zwischendurch immer mal wieder daran gearbeitet und versucht, für Mitarbeiter wie Gäste ein bestmögliches Angebot zu finden. Es soll schließlich eine Lösung gefunden werden, die unseren Gästen genauso zusagt, wie unser traumhaftes Frühstücksbuffet. Wie laden auch noch einmal unsere Mitarbeiterinnen ein, um sie – natürlich mit 1,50m Abstand – auf den neuesten Stand zu bringen.

Gegen 15:00 Uhr nehmen wir uns als Familie dann ganze 5 Minuten, um in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken und die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Was war das wieder? Geht es noch anstrengender?

Ja es geht. Denn die nächste Botschaft ließ nicht lange auf sich warten: Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Gastronomiebetriebe wieder Buffets anbieten. Uns stockt der Atem. Wann hört das auf? Diese täglichen 180-Grad-Wenden? Hatte man sich gerade auf die eine Vorgabe eingestellt, klopfte schon die nächste an die Tür…

All das zeigt wohl, dass Ausmaß der Krise. Denn die Sorgen die uns in einer „normalen“ Spargelsaison umtreiben, wie ein schlechter Spargelpreis, der wenige Niederschlag oder das fehlende Personal, werden nun durch diese Besonderheit verschärft. Die Krise ist überall – immer – betrifft alle und fordert alle Beteiligte jede Minute aufs Neue. Wie auch in meinem ersten „Corona“-Beitrag bin ich jedoch weiterhin sicher, dass wir als Familie gestärkt aus dieser Zeit hinaus gehen werden – auch wenn in manchen Situationen der Blick auf diesen Hoffnungsschimmer verschwimmen kann …

Bis bald, mit hoffentlich weniger Corona-Nachrichten,

Eure Christina

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