Nie wieder braun

72 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs wissen anscheinend viele Europäer nicht mehr, was rechtes Gedankengut anrichten kann. Hofheldin Elisabeth Hartmann möchte daran erinnern und hat sich auf Spurensuche begeben. Welche Auswirkungen hatte der Krieg auf das Landleben?

Heute vor genau 72 Jahren endete mit der Kapitulation der Wehrmacht der 2. Weltkrieg. Der Krieg hinterließ in Deutschland seine Spuren. Zerbombte Städte, Millionen von Toten und eine zerspaltete Gesellschaft, die von nun an den Stempel der Kollektivschuld zu tragen hatte, waren das Ergebnis. Ihr werdet Euch jetzt vielleicht denken: „Jedes Jahr dasselbe, das ist doch mittlerweile alles kalter Kaffee.“ Doch die Thematik ist aktueller denn je. Wenn man sieht, wie stark der rechte politische Zweig, allen voran die AFD, wird, dann möchte man fast glauben, dass viele Europäer nicht wirklich gut in Geschichte aufgepasst haben. Rechte Hetze, Popstars, die Propagandasongs für Reichsbürger singen, europäische Staaten, die rechte Regierungsspitzen wählen – und das alles, weil Teile der Bevölkerung mit der derzeitigen Lage unzufrieden sind. Terroranschläge, Angriffe auf die Demokratie und die Flüchtlingspolitik, das ist ganz schön viel auf einmal. Unzufriedenheit ist für rechte Parteien wie Mist für Fliegen – der beste Nährboden für Propaganda.

Unzufrieden

Das war schon einmal so. 1933 ging es den Deutschen nach dem 1. Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise und dem Versagen der Weimarer Republik ziemlich schlecht. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit herrschten in der deutschen Bevölkerung vor. Da kam ein kleiner, charismatischer Mann mit neckischem Oberlippenbärtchen, der seine Stimme für das Volk und die Arbeiter erhob, gerade richtig. „Jetzt erst recht“- dachten sich die Deutschen und wählten, um es der steifen Obrigkeit zu zeigen, Adolf Hitler zum Reichskanzler. So begann eine Ära des Schreckens und des Krieges, die für immer ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte bleiben wird.

Wie erlebte die Landbevölkerung den Krieg? Welche Rolle spielte die Landwirtschaft im Dritten Reich? Ich habe mich auf Spurensuche begeben und mich durch unser Familienarchiv gewühlt.

Feldarbeit

Heuarbeit im zweiten Weltkrieg. Foto: privat

Betrachtet man die Zahlen, wird deutlich, dass sich seit dem Krieg in der Landwirtschaft einiges geändert hat. In den Kriegsjahren waren ca. 30% der Deutschen in der Landwirtschaft auf über 3 Millionen Bauernhöfen tätig. Durchschnittlich wurden damals 6 Hektar bewirtschaftet. Zum Vergleich: Heute gibt es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 276.000 Betriebe mit 936.000 Beschäftigten. Bewirtschaftet wurden 2016 durchschnittlich ca. 60 Hektar pro Betrieb.

Arbeit auf dem Land

Torfstechen anno 1940. Foto: privat

Als totalitäres System sollte die Ideologie des Nationalsozialismus von der Wiege bis zur Bahre alle Lebensbereiche der Bevölkerung beherrschen. Da der Nationalsozialismus Begriffe wie „Arbeit“ und „Familie“ zu Propagandazwecken romantisierte, spielte die Landwirtschaft in der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie eine zentrale Rolle. Das Bauerntum galt als „Blutsquell“ des Volkes. In Folge dieser Theorie wurden landwirtschaftliche Besitztümer dauerhaft festgeschrieben.

Zunächst veränderte sich für die Bevölkerung nach der Machtergreifung Hitlers nicht viel. Das NS-Regime war sich der Kriegsmüdigkeit der Deutschen nach den harten Jahren des 1. Weltkriegs bewusst. Die Landwirte mussten damals zu Kriegszwecken Pferde und Arbeitskräfte abtreten. Dementsprechend vorsichtig und bis ins Detail geplant, musste der Kriegsgedanke in die Köpfe der Bevölkerung gepflanzt werden.

Hofübergabe

Überlassungsvertrag aus der NS-Zeit. Foto: privat

Landwirte waren oft vom Kriegsdienst befreit. Der Betriebserbe wurde nicht eingezogen, da er die Versorgung seiner Familie und der Bevölkerung gewährleisten sollte. Da jedoch die jüngeren Brüder und die restliche männliche Bevölkerung zum Dienst an der Front verpflichtet waren, mussten nun die Frauen harte Männerarbeit verrichten, um den Mangel an Arbeitskräften auszugleichen. Es wurden insgesamt 12 Millionen Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie eingesetzt. Für eine „Leihgebühr“ an die SS konnte man sich Arbeiter zuteilen lassen. Mehr als die Hälfte der Zwangsarbeiter waren Frauen.

In den Kriegsjahren stellten viele Vereine ihre Tätigkeit ein. Burschenvereine oder vergleichbare Zusammenschlüsse, die auf den Dörfern zahlreich vorhanden waren und oft das gesellschaftliche Leben darstellten, gab es bald nicht mehr. Verbote und Erlasse der Regierung schränkten die Bevölkerung ein. Wer sich nicht fügte und sich mit dem Regime anlegte, wurde „aussortiert“. Die Angst vor den Konzentrationslagern ließ viele schweigen.

Burschnverein Tuntenhausen

Vor dem Krieg waren Vereine auf dem Land für das gesellschaftliche Leben wichtig. Foto: privat

1933 wurde der „Reichsnährstand“ gegründet, worunter nach und nach alle Bauernverbände und landwirtschaftlichen Vereinigungen zusammengefasst wurden. Diese Organisation war für die Produktion, den Vertrieb und die Festlegung der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse verantwortlich und galt den Nationalsozialisten bald auch als Instrument zur ideologischen Erziehung und Wahrung der sogenannten Blutreinheit der Bauernschaft. Man wollte eine autarke Ernährungsversorgung der Deutschen erreichen, was aufgrund unzureichender Bemühungen in der Modernisierung jedoch nie gelang.

Brautgespann

Ein sogenannter „Kuchelwagen“, das Hochzeitsgespann der Braut. Foto: privat

Der Landbevölkerung ging es vergleichsweise gut. Da sich die Landwirtsfamilien selbst versorgen konnten, waren sie weitestgehend von einer Lebensmittelknappheit verschont.

Ab 1936 wurden alle Jugendlichen des Deutschen Reichs zur Mitgliedschaft in der Hitlerjugend oder dem BDM, den Jugendorganisationen der NSDAP, zwangsverpflichtet. Zum Zwecke einer Umerziehung im Sinne des NS-Regimes wurden Aktionen, wie die sogenannte „Kinderlandverschickung“ durchgeführt, die ab 1940 erfolgte. Kinder sollten aus den von Luftangriffen bedrohten Städten, auf das als sicher geltende Land gebracht werden. Zunächst als freiwillige Maßnahme geplant, drängten die Nationalsozialisten die Eltern immer mehr dazu, ihre Kinder in die Obhut von KVL-Lagern zu geben, welche der Hitlerjugend und dem BDM unterstanden. Hintergrund war, dass das Regime eine Umerziehung der Kinder nach den eigenen Ideologien plante. Insgesamt wurden so 5 Millionen Kinder auf das Land geschickt, die meisten kamen aber bei Verwandten unter.

Kinderlandverschickung

Kinder, die im Zuge der Kinderlandverschickung, auf dem Land unterkamen. Foto: privat

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau. Die Landwirtschaft stellte nun den bedeutendsten Wirtschaftsfaktor dar, da die Ernährungsversorgung der vom Krieg gebeutelten Bevölkerung nun an oberster Stelle stand. Grundsätzliche politische Entscheidungen wurden nun von den Besatzungsmächten getroffen. Im Westen gab es weiterhin überwiegend Klein- und Mittelbetriebe, im Osten entwickelten sich unter sowjetischer Führung große Produktionsgenossenschaften.

Meine Lieben, auch wenn wir derzeit vielleicht nicht mit allem einverstanden sind, was in der Politik und auf der Welt passiert, auch, wenn wir Angst davor haben, was die Zukunft bringt, dann dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen und rechts wählen. Rechts ist nämlich keine Alternative, wie der zweite Weltkrieg gezeigt hat. Demokratie ist ein wertvolles Gut und das dürfen wir nicht durch Protestwahlen auf’s Spiel setzen.

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