Landwirts Liebe

Oh je, ich liebe einen Landwirt!

Elf junge Frauen treffen sich zu einem Seminar in Osnabrück. Sie alle lieben einen Bauern, doch keine von ihnen hat „Stall­geruch“. ­Warum das schwierig ist, erzählen sie bei der Tagung „Oh je, ich liebe einen Landwirt“.

Die Herbstsonne fällt durch die Fenster des Tagungsraums der Landwirtschaftskammer (LWK) Osnabrück. Dort sitzt ein Dutzend Frauen zwischen 20 und 30 Jahren und beschriftet Namensschilder. Sie sind heute hier, weil sie Rat suchen. Der Grund: Sie führen eine Liebesbeziehung mit einem Landwirt. „Stallgeruch“, wie Bauern zu sagen pflegen, haben sie keinen, denn mit Landwirtschaft hatten die jungen Frauen vor der Partnerschaft nichts am Hut.

„Ich hätte mir im Leben nicht gedacht, dass ich mal einen Landwirt heiraten würde“, gesteht eine der Teilnehmerinnen auf die Frage, warum sie hier ist. Es war reiner Zufall, dass sie sich in einen Bauern verliebt hat. Was das heißt, merkte sie erst, als sie auf den Hof zog.

„Ein Mann, der nie Zeit hat“, „eine eingeschworene Dorfgemeinde, in die man schwer reinkommt“, „Schwiegereltern, die nicht loslassen“ – zum ersten Mal können die Frauen offen über ihre Sorgen sprechen. Mit dem Seminartitel „Oh je, ich liebe einen Landwirt!“ hat die Landwirtschaftskammer einen Nerv getroffen. „Das  entspricht genau meinem Gefühl“, sagt eine Teilnehmerin.

Carolin und Thomas – Liebe und Leidenschaft für den Beruf und füreinander. Quelle: Münch

Der „Heiratsmarkt“ für Landwirte* hat sich gewandelt. Heute ist jeder zweite Bauer mit einem Partner liiert, der keinen landwirtschaftlichen Hintergrund hat (agri-EXPERTS Umfrage 6/2017).

„Die Biografien der Frauen haben sich verändert. Früher hatten noch mehr Frauen Bezug zur Landwirtschaft, zum Beispiel durch eine Ausbildung in der ländlichen Hauswirtschaft. Das ist heute nicht mehr so“, sagt Elfriede Moos, die seit 40 Jahren in der Frauenfortbildung der LWK Niedersachsen tätig ist. Moos weiß genau, welche Herausforderungen Frauen ohne Stallgeruch heute meistern müssen.

Aller Anfang ist schwer

„Das war schon immer so! Vielleicht haben Sie den Satz schon mal gehört?“, leitet Referentin Moos das Thema Familientradition ein. Die Damen lachen. „Wie oft ich das schon gehört habe“, ruft eine Teilnehmerin in die Runde.

„Die gewachsenen Familientraditionen sind nicht zu unterschätzen“, so Moos. Die Betriebe seien schließlich seit Generationen in Familienhand. Ein Neuling hat es da natürlich schwer. Vor allem, wenn sich die Frauen auch noch mit neuen Ideen in den Betrieb einbringen möchten.

Besonders schwierig sei es vor allem dann, wenn die Hofübergabe nicht geklärt sei. Eine wichtige Rolle komme dem Partner zu. „Der Hofnachfolger muss sich aus seiner alten Kernfamilie lösen. Er muss wissen, wo er hingehört, nämlich an die Seite der Partnerin“, sagt Elfriede Moos.

„Es ist schön zu merken, dass man mit den Problemen nicht allein ist“, sagt eine der Teilnehmerinnen in die Frauenrunde. Sie ist vor einem halben Jahr mit ihrem Sohn zu ihrem Partner nach Ostfriesland gezogen – aus der Stadt auf einen Milchviehbetrieb, der mitten in der Hofübergabe steckt.

„Die Familie kann nicht loslassen. Es gibt keine Grenzen, keine Privatsphäre“, sagt sie. Obwohl die Eltern ausgezogen sind, stehen sie „fast jeden Tag auf der Matte. Gehen ein und aus, als wären sie hier noch zu Hause.“ Gleichzeitig werden Erwartungen an die Neue herangetragen. „Du bist doch aus dem Büro. Du kannst das ja mal machen.“ Hilfsbereit wie sie ist, springt sie ein. Doch mehr und mehr ersetzt sie die Mutter als Arbeitskraft, die zuvor für die Buchhaltung und die Ferienwohnungen verantwortlich war. „Erst Überweisungen machen, dann die Ferienwohnungen putzen und ohne es zu merken, mach ich auf einmal alles.“

Einen Status als offizielle Arbeitskraft hat sie nicht und damit auch kein Gehalt, keine Versicherung, keine Rentenbeiträge. „Solche Dinge müssen unbedingt geklärt sein, sonst stehen Sie im Ernstfall irgendwann mit leeren Händen da. Sie müssen sich aktiv um Ihre Absicherung kümmern“, mahnt Moos.

Wenn die Partnerin oder der Partner immer wieder einspringen, sollte geklärt werden, ob er oder sie nicht angestellt werden. Das ist wichtig für Rente und Verdienst. Quelle: Münch

Streitthema Freizeit

Ein wiederkehrendes Thema unter den Frauen ist das Fehlen von Freizeit. Vielen ist bis zum Umzug auf den Hof nicht bewusst, wie zeitintensiv Landwirtschaft ist. Oft führen die Paare vorher eine Fern- oder Wochen-

endbeziehung. „Da hat er sich viel Zeit für mich genommen“, erzählt eine Teilnehmerin. Mit dem Einzug habe sie sich plötzlich in einem völlig anderen Lebensrhythmus wiedergefunden. „Man hat praktisch keine Freizeit, ist immer gebunden und dann kommt noch dieser kleine Ort dazu.“

Es sei schwierig, so sagt sie, in dem Dorf, in dem sich alle schon seit Kindertagen kennen, neue Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig sei es schwer, den Kontakt zu Freunden aus der fernen Heimat aufrechtzuerhalten.

Der Einstieg der Partnerin in Familie und Betrieb kann auch reibungslos verlaufen, wie das Beispiel von Carolin Konersmann zeigt. Sie ist Lehrerin und hat vor gut einem Jahr ihren Milchbauern geheiratet. Drei Generationen wohnen unter einem Dach.

Sie hat „Glück gehabt“, wie sie sagt.  Das Paar hat jedes zweite Wochenende frei. Das ist möglich, weil sie sich die Melkarbeit mit den Schwiegereltern teilen. Ihr Ehemann hatte die Idee, sich an den Wochenenden abzuwechseln. Es brauchte jedoch Überzeugungsarbeit: die Schwiegereltern waren anfangs skeptisch. „Sie haben aber schnell gemerkt, welch ein Luxus ein freies Wochen­ende ist.“

Trotz der vielen Arbeit sich bewusst Zeit füreinander nehmen – das ist Carolin in ihrer Beziehung mit Thomas wichtig. Quelle: Münch

Das junge Paar nimmt sich auch im Alltag ganz bewusst Zeit füreinander. Carolin setzt sich gerne bei der Feldarbeit zu ihrem Mann in den Schlepper. „Wir genießen die gemeinsame Zeit auf dem Trecker. Thomas ist dann gut drauf und wir können in Ruhe quatschen. Das ist total schön.“

Zudem hat die Familie ihres Mannes vieles richtig gemacht. Carolin war von Anfang an in die Planung und Gestaltung der zukünftigen Wohnsituation eingebunden. Vom ersten Tag an respektierten die Eltern die Privatsphäre des Paars.

Ankommen braucht Zeit

Auch wenn es für viele der Frauen anfangs schwierig ist, bei den meisten glätten sich die Wogen mit der Zeit. „Es wird besser“, sagt eine der Seminarteilnehmerinnen ein paar Monate später. Nach einem Jahr fühle sie sich endlich auf dem Hof angekommen. Derzeit besucht sie den Agrarbüromanagerkurs der LWK. Danach wird sie als offizielle Arbeitskraft im Betrieb angestellt.

Und schließlich hat das Hofleben auch Vorteile. Die Frauen schätzen die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, das Leben in und mit der Natur und haben Freude an den neuen Aufgaben.

Mehr zum Thema Beziehungen in der Landwirtschaft und der Landwirtschaft speziell findet Ihr in der aktuellen Ausgabe der argrarheut. Du kennst agrarheute noch nicht? Dann hol Dir jetzt Dein kostenloses Probeheft!


Hier gehts zum kostenlosen Probeheft!

>> Dir hat dieser Beitrag gefallen? Dann teile ihn jetzt mit Deinen Freunden! <

Schreibe einen Kommentar