Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Feuer und Flamme: Landwirte bei der Feuerwehr

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren – meistens zumindest.

Von Dagmar Deutsch für agrarheute

Übung, Übung, Übung. Übung für die Fahrzeuge Florian Altenstadt 40/1 und 43/1. Verkehrsunfall an der alten Triebstraße. Traktor gegen Pkw mit eingeklemmter Person. Übung für Florian Altenstadt.“ Feuerwehrmann Florian Jocher spricht ins Funkgerät und blickt sich um. Er steht auf einem Wirtschaftsweg in Richtung Altenstadt in Bayern, neben ihm hängt ein Traktor im Graben, schräg hinter ihm ist ein Auto gegen einen Baum gekracht. „Soll ich den Polo schon anzünden“, fragt einer seiner Kameraden. „Nein, warte noch, bis wir die anderen sehen“, antwortet ihm Florian Jocher. Er hat die Situation im Griff und ist entspannt, was zum einen daran liegt, dass es sich um eine Übung handelt und nicht um einen echten Einsatz. Zum anderen ist der Landwirt bereits seit acht Jahren zweiter Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Altenstadt. Da bekommt man Routine.

Organisation und Führungsstärke

Gemeinsam mit dem ersten Kommandanten ist er Herr über knapp 60 aktive Feuerwehrmänner. „Vor meiner Generation war das allerdings anders“, erinnert sich der 35-Jährige und blickt in Richtung Altenstadt. Die Mofarocker-Clique seiner Jugendzeit hat einen großen Teil dazu beigetragen, die Freiwillige Feuerwehr in seinem Heimatort wieder aufleben zu lassen. „Der Feuerwehrkommandant kam damals auf unsere Landjugendgruppe zu und hat uns zum Schnupperkurs eingeladen. Den haben wir gemacht und der Jugendwart von damals war voll auf unserer Wellenlänge. Er hat viele spannende Sachen und auch viel Blödsinn mit uns gemacht, das war dann der Ansporn, dass wir da regelmäßig hingegangen sind“, sagt Florian Jocher, als am Ortsausgang Altenstadt die Feuerwehrautos hinter dem Kirchenhügel auftauchen. „Kannst anzünden“, ruft er seinem Kameraden hinter ihm zu, der daraufhin das scheinbar verunfallte Auto in Brand steckt.
Damit seine Wehr auch weiterhin attraktiv bleibt, legt Florian Jocher Wert darauf, die Übungen möglichst interessant zu gestalten. „So, wie es unser Jugendwart damals mit uns gemacht hat. Wenn man immer nur Leitern aufbaut, kommt irgendwann keiner mehr“, brüllt er über das Martinshorn der heranfahrenden Löschfahrzeuge 40/1 und 43/1 hinweg und geht den Fahrzeugen entgegen. Die Gruppenführer steigen aus und Florian Jocher erklärt die Lage: „Wir haben einen Verkehrsunfall, Traktor gegen Pkw. Eine eingeklemmte Person im Pkw. Das 40/1 übernimmt den Pkw: Brand sichern und Sicherung des Fahrzeugs, anschließende Rettung der verletzten Person. Unser 43/1 übernimmt die Verkehrsabsperrung und die Absicherung des Traktors, der Gefahr läuft, in den Graben zu rutschen.“

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Der 35-jährige Florian Jocher ist seit seinem 18. Lebensjahr bei der Freiwilligen Feuerwehr Altenstadt aktiv. Foto: Dagmar Deutsch

Als Feuerwehrmann muss er klare Ansagen machen können. „Ebenso wie als Landwirt und Betriebsleiter muss ich auch bei der Feuerwehr Organisationstalent und Führungsstärke beweisen. In der Feuerwehr sind wir mittlerweile dünn besetzt mit Leuten, die das noch können.“ Er profitiert jedoch auch als Landwirt von seiner Laufbahn in der Feuerwehr. Für sein Ehrenamt hat er bereits diverse Ausbildungen durchlaufen: vom Atemschutzgeräteträger über den Maschinisten, Gruppenführer und Zugführer bis hin zum Leiter einer Feuerwehr. „Davon nimmt man auch viele Dinge mit. Man lernt zu führen und Entscheidungen zu treffen. Das hilft dann im Betrieb auch weiter“, sagt er und tritt zur Seite, damit das 40/1 zur Unfallstelle vorfahren kann.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Florian bewirtschaftet einen Betrieb mit 85 Milchkühen. Foto: Dagmar Deutsch

Die Mannschaft steigt aus. In wenigen Augenblicken hat sie die Schläuche abgerollt, angeschlossen und das Wasser aufgedreht. Jeder Handgriff sitzt. Florian Jocher mischt sich unter die Truppe und beobachtet aufmerksam. Die meisten der Feuerwehrmänner, die hier gerade den brennenden VW Polo löschen, arbeiten normalerweise bei örtlichen Kleinunternehmern und in der Industrie rund um Altenstadt oder sie sind Landwirte wie Florian Jocher. „Bei uns sind noch alle neun Haupterwerbslandwirte beziehungsweise ihre Nachkommen bei der Feuerwehr aktiv. Ohne die und die anderen Selbstständigen im Ort wäre es ziemlich dünn“, sagt der zweite Kommandant, als er zwischen seinen Kameraden zurücktritt und ihnen zufrieden beim Löschen zusieht. Er hat den Eindruck, dass diejenigen, die im Ort oder in der unmittelbaren Region arbeiten, aktiver am Dorfleben beteiligt sind, als zum Beispiel die Pendler, die quasi nur nachts und am Wochenende da sind. „Ich bin zwar auch davon überzeugt, dass das dem Pendler auch wichtig ist, aber der ist eben berufsbedingt gezwungen, Abstriche zu machen. Die, die immer da sind, denen ist es einfach noch wichtiger, dass unser Dorf attraktiv bleibt und Vereine und Aktivitäten aufrecht erhalten bleiben.“

Einzigartige Kameradschaft

Seine Kameraden sind fertig mit dem Löschen. Nun gilt es, die verunfallte Person – den Dummy Cordula – aus dem Wrack zu retten. Den hydraulischen Rettungssatz hat ein Teil der Mannschaft schon längst vorbereitet. Die Männer machen sich sofort an die Arbeit. Sobald der Kamerad mit der Schere A-, B- und C-Säule des VW Polos durchtrennt hat, klappen andere das Dach nach oben. Weitere stehen bereits mit dem gelben Spineboard bereit, mit dessen Hilfe sie Cordula gleich aus dem Auto heben, während andere das hochgeklappte Dach sichern. Hier kann sich jeder auf jeden verlassen. Die Männer sind eine eingeschworene Truppe. „Feuerwehr hat viel mit Kameradschaft zu tun. Da trifft man sich auch abseits von Übungen und Einsätzen. Dennis, also der, der vorhin das Auto angezündet hat, hilft mir zum Beispiel beim Güllefahren und Freitagabend trifft man sich oft einfach so am Feuerwehrhaus zur Kameradschaftspflege“, sagt Florian Jocher und geht zum VW Polo rüber, um Tipps bei der Rettung von Cordula mit dem Spineboard zu geben.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Die Freiwillige Feuerwehr Altenstadt hat rund 60 aktive Mitglieder – darunter alle neun Landwirte der Gemeinde. Foto: Dagmar Deutsch

Die enge persönliche Verbindung zu seinen Kameraden ist auch der Grund, warum er immer noch bei der Feuerwehr Altenstadt aktiv ist, obwohl er schon seit einiger Zeit nicht mehr dort wohnt. Bereits seit 2011 lebt er mit seiner Frau auf deren elterlichem Betrieb in Schongau. Die Arbeit mit der Landwirtschaft zu verbinden, wird immer mehr zur Herausforderung, vor allem, seit er im Jahr 2016 einen Milchviehbetrieb übernommen hat. „Seitdem wächst der Hof und auch die Familie. Da kommt man zeitlich schon mal ins Straucheln“, gibt der zweifache Vater zu und begleitet seine Kollegen, die Cordula gerade erfolgreich auf das Spineboard geschnallt haben und auf die andere Seite des Wirtschaftswegs tragen.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Vor allem die Kameradschaft schätzt Florian an der Freiwilligen Feuerwehr. Foto: Dagmar Deutsch

„Übungen und sonstige planbare Termine, zum Beispiel Besprechungen mit dem ersten Kommandanten, kriege ich relativ einfach unter. Das sind etwa 20 Stunden im Monat“, erzählt Florian Jocher weiter. Bei den etwa 60 Einsätzen pro Jahr sieht das schon ganz anders aus. „Ich rücke so gut es geht immer aus. Seit ich allerdings die Verantwortung für den Betrieb trage, haben sich meine Prioritäten schon geändert.“ Früher sei er einfach gegangen, wenn der Piepser am Gürtel zum Einsatz rief. Heute muss er sich als Betriebsleiter überlegen, wer an seiner Stelle die Arbeit erledigt, wenn er mit der Feuerwehr unterwegs ist. So kommt es manchmal vor, dass er bei der Alarmierung zwar ins Feuerwehrhaus fährt, aber nicht mit ausrückt. „Beim Einsatz mit mehreren Wehren, von denen jede 30 bis 40 Mann mitbringen, braucht es einfach jemanden, der sich den Überblick verschafft und Struktur in das Ganze bringt. Das ist dann auch meine Aufgabe als Kommandant, aber wenn es sich um einen unkomplizierten Einsatz handelt, bespreche ich die Sachlage kurz mit dem Gruppenführer im Feuerwehrhaus und fahre wieder zurück auf den Betrieb“, sagt Florian Jocher, während seine Truppe anfängt, die Schläuche und den hydraulischen Rettungssatz aufzuräumen.

Rückhalt der Familie

Bei manchen Einsätzen steht es aber außer Frage, ob der Landwirt mit ausrückt oder nicht. „Vor etwa vier Jahren war ich gerade beim Kreiseln, als ich eine riesige schwarze Rauchwolke gesehen habe. Da fahre ich los und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich zum Einsatz komme.“ Das war in dem Fall gar nicht so einfach, denn unterwegs war er mit seinem alten 40er-Fendt. „Damit bin ich dann mit einer Höchstgeschwindigkeit von 28 km/h ins Feuerwehrhaus geschlichen.“ Die Arbeit musste trotzdem erledigt werden. In dem Fall konnte der Schwiegervater zum Kreiseln einspringen. Oft schmeißt seine Frau den Betrieb und kümmert sich dann allein um die 85 Milchkühe.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Ebenso wie als Landwirt und Betriebsleiter, muss er auch als zweiter Feuerwehrkommandant klare Ansagen machen können. Foto: Dagmar Deutsch

Es gibt aber auch Situationen, in denen Florian Jocher nicht sofort dem Ruf des Feuerwehrpiepsers folgen kann. „Einmal ging der Alarm mitten während einer Kalbung los und ich war bis zur Schulter mit dem Arm in der Kuh gesteckt. Da haben wir dann schon noch zuerst das Kalb rausgezogen und ich bin eben nachgekommen zum Einsatz.“ Oft ist er aber auch der Erste am Einsatzort. Sein Betrieb liegt direkt an der Stelle, an der die Bundesstraßen B 17 und B 472 aufeinandertreffen. Die Freiwillige Feuerwehr Altenstadt wird somit oft zu Verkehrsunfällen gerufen. „Ich habe mittlerweile meine Feuerwehrklamotten zu Hause, denn meist würde ich auf dem Weg ins Feuerwehrhaus an der Unfallstelle vorbeifahren und das macht einfach keinen Sinn“, erklärt der Landwirt und blickt auf die ramponierte Cordula, die seine Kameraden mittlerweile vom Spineboard befreit haben und nun neben ihm im Gras liegt.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Florian hat bereits diverse Ausbildungen als Feuerwehrmann durchlaufen. Unter anderem die des Maschinisten. Foto: Dagmar Deutsch

Er denkt an den Einsatz zurück, der ihn am meisten geprägt hat. Es war einer dieser Einsätze, bei denen er gar nicht erst ins Feuerwehrhaus gefahren ist. „Als ich am Unfallort ankam, kam mir schon der Ersthelfer entgegen. Der stand total unter Schock, hielt mir einen abgetrennten Arm hin und fragte, ob ich den gleich einpacken will. Der Motorradfahrer, zu dem der Arm gehörte, lag mit einem offenen Beckenbruch auf der Straße und bettelte um Hilfe. Bei solchen Einsätzen als Erster vor Ort zu sein und die Situation unter Kontrolle zu kriegen, ist schon heftig.“

Er schüttelt den Kopf, als würde er die Erinnerung daran in die hintersten Ecken seines Gedächtnisses verbannen wollen. Dann ruft Florian Jocher seine Truppe zur Nachbesprechung der Übung zusammen und die geballte Kameradschaft schart sich sogleich um ihn.

Wissen, was wirklich wichtig ist

Diese Kameradschaft ist es auch, die den Feuerwehrmännern hilft, Einsätze wie den des verunfallten Motorradfahrers zu verarbeiten. Was der Landwirt persönlich aus solchen Erfahrungen mitnimmt? „Mir ist bewusst, wie kurz das Leben sein kann und was wirklich wichtig ist im Leben, nämlich Zeit mit der Familie zu verbringen“, sagt er, nachdem die Nachbesprechung zu Ende ist.

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Auf seine Kameraden kann sich Florian verlassen – beim Einsatz wie auch privat. Foto: Dagmar Deutsch

Natürlich muss die Arbeit im Betrieb erledigt werden, aber der 35-Jährige legt besonderen Wert darauf, genügend Zeit für seine Frau und seine zwei Kinder zu haben. Die drei gemeinsamen Mahlzeiten am Tag sind ihm heilig und einmal im Jahr geht’s gemeinsam in den Urlaub. Auch zu Arbeitsspitzen schafft er es immer, sich Familienzeit einzuräumen und schaut nachmittags zur Kaffeepause seinen Kindern etwas beim Spielen zu, bevor es wieder weitergeht. „Viele Berufskollegen kennen nichts außer den Betrieb und kommen aus dem Trott nie raus. So will ich nicht sein. Als Landwirt kann man Arbeit und Familie so gut miteinander kombinieren. Man muss es aber auch tun.“

Landwirt Florian Jocher ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann. Dank seines Organisationstalents kann er sein Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr Altenstadt mit seiner Arbeit im Betrieb vereinbaren - meistens zumindest.

Allzeit bereit: Seinen Funkmeldeempfänger trägt Florian auch im Betrieb immer am Gürtel. Foto: Dagmar Deutsch

Er schaut seinen Kameraden hinterher, die in den Löschfahrzeugen 40/1 und 43/1 zurück zum Feuerwehrhaus fahren. Der Landwirt selbst ist mit ein paar Helfern an der Übungsstelle geblieben, um noch den ausgebrannten VW Polo und Cordula mit dem Stapler auf den bereitgestellten Lkw zu laden und aufzuräumen. Als zweiter Kommandant gibt es im Vergleich zum normalen, aktiven Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr einfach ein bisschen mehr zu tun.
Sein Ehrenamt aufzugeben, um noch mehr Zeit für die Familie zu haben, kommt allerdings nicht infrage. Warum? „Das frage ich mich ehrlich gesagt auch manchmal“, sagt er. Ihm fällt es schwer, eine Antwort darauf zu finden. „Wahrscheinlich ist es der Ansporn, das, was man aufgebaut hat, nicht aufzugeben, und auch die Freude daran, anderen zu helfen. Es gibt nichts Schöneres, als wenn Montagabend bei der Übung eine Familie ins Feuerwehrhaus kommt und sich dafür bedankt, dass man den Mann letztens aus dem Unfallauto geschnitten hat.“ Er zuckt mit den Schultern und steigt in den Stapler: „Wenn ich’s nicht so gern machen tät, hätt’ ich schon lang aufgehört.“

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