Kunsststoff aus Milch

Qmilk stellt Plastik her, das sich innerhalb von 6 Wochen kompostieren lässt, es wird aus einem Abfallprodukt hergestellt und der Landwirt bekommt dafür auch noch Geld. Zu schön, um wahr zu sein? Hier erfährst Du, wie das geht.

Ein Interview mit Qmilk-Gründerin Anke Domaske von Jana Dahlke, agrarheute.

Wie ist die Idee entstanden, Kleidung oder Folien aus Milch herzustellen?

Ich bin Mikrobiologin und während meiner Studiumszeit erkrankte mein Stiefvater an Leukämie. Zeitgleich entwickelte er eine schwere Textilallergie und reagierte auf alle Stoffe allergisch. Auch Kleidung aus Wolle vertrug er nicht, da diese beim Färben chemisch behandelt wird. Deshalb war ich auf der Suche nach unbehandelter Kleidung und stieß auf ein Verfahren zur Herstellung von Milchfasern aus den 30er-Jahren. Leider wurden Chemikalien bei der Herstellung benutzt. Mich hat aber die Idee nicht losgelassen und da habe ich in meiner Küche einfach rumprobiert. Nur mit Mixer, Kochplatte und einem Thermometer hat es angefangen. Nach zwei Jahren konnte mein Stiefvater dann das erste T-Shirt tragen, ohne eine Allergie zu bekommen.

Wie lassen sich denn aus Milch Fasern oder auch Folien herstellen?

Ganz vereinfacht erklärt: Wenn Milch gerinnt, entstehen dabei Flocken, sogenanntes Milcheiweiß. Circa 30 l Rohmilch werden für die Herstellung von 1 kg Milcheiweiß benötigt. Das wird getrocknet und zu Pulver verarbeitet. Wir produzieren daraus in weiteren Schritten Granulat und Fasern. Damit lassen sich Stoffe, Garne oder auch Folien herstellen. Zudem lassen sich die Produkte kompostieren. Nach circa sechs Wochen sind sie abgebaut und auch als Düngemittel verwendbar. Das kann nicht jeder Werkstoff.

Ist es nicht Verschwendung, aus hochwertigen Lebensmitteln ein Wegwerfprodukt zu kreieren?

Wir verwenden keine Lebensmittel für die Herstellung unserer Produkte. Es handelt sich bei der Milch um ein reines Abfallprodukt aus den Molkereien. Jährlich werden so in Deutschland 2 Mio. t Milch entsorgt. Wir verwerten einen Rohstoff, der unvermeidbar anfällt und bisher nicht genutzt wurde. Wir arbeiten auch an einem Logistiksystem zur Sammlung von bislang technisch ungenutzter nicht verkehrsfähiger Milch. Unter Qmilk-Collect können sich Milcherzeuger direkt bei uns melden. Die Resonanz von den Landwirten darauf ist bisher sehr gut.

Bekommt der Landwirt eine Aufwandsentschädigung für seine Milch?

Wir zahlen 4 Cent/l Milch. Natürlich ist das weniger als der Milchpreis, aber es handelt sich auch um nicht verkehrsfähige Milch, sondern um Biestmilch oder Milch mit Antibiotikarückständen. Für unser Verfahren spielt das keine Rolle. Und so kann der Landwirt vielleicht noch mehrere Hundert Euro pro Jahr Gewinn machen, statt die Milch einfach zu entsorgen.

Sehen Sie durch das Verbot von Einwegplastik weitere Möglichkeiten für Qmilk?

Ich glaube, das Verbot ist nur ein Anfang. Der Druck wird größer und das Interesse für Plastikalternativen steigt, unabhängig vom Plastikverbot. Das haben wir auch gemerkt. Es gab bei uns erste Ansätze für neue Projekte, aber es scheiterte an den richtigen Partnern. Bei uns wird das Ausgangsmaterial produziert. Die weiteren Zwischenstufen bis zu einem neuen ­Produkt müssen andere übernehmen. Viele sprechen zwar von Innovationen, aber Zeit und Geld zu investieren, ist dann wieder eine andere Sache.

Weitere spannende Artikel zu Plastikalternativen und den Chancen, die daraus für Landwirte entstehen, sowie viele weitere Fachinformationen zu Technik, Pflanzenbau, Tierhaltung und Management liest du in der Augustausgabe von agrarheute.

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Aufmacherbild: Werkbild

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