Junger Landwirt mit alter Rasse

Klein, kräftig und robust – Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind ist vom Aussterben bedroht. Doch Junglandwirt Sven Gramsch aus Jade baut gerade mit dieser alten Rasse seine Zukunft auf. 

Große dunkle Augen blicken neugierig in die Kamera. Dabei dreht die schwarz-weiße Schönheit ihren kräftigen und kurzen Körper ganz gelassen dem Fotografen zu. „Die ist wirklich kaum aus der Ruhe zu bringen“, sagt Landwirt Sven Gramsch. Die Kuh Jessi schüttelt daraufhin nur kurz mit dem Kopf, als wollte sie die Aussage bekräftigen. Das ruhige Wesen ist einer der Gründe, warum der Milchviehhalter vom Hof Mühlenhamm aus Jade seinen Betrieb auf die alte Nutztierrasse umgestellt hat.

Die Rasse ist besonders anpassungsfähig und eignet sich für viele Standorte. Quelle: Eberstein

Der Ursprung

Vor knapp 150 Jahren war das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind (DSN) in den Marsch- und Niederungsgebieten im holländisch-friesischen Nordseeraum heimisch. Aufgrund ihrer hohen Anpassungsfähigkeit sollten sich die Kühe für verschiedene Standortbedingungen eignen. Sie wiesen zur damaligen Zeit neben einer guten Milchmenge und hohem Milchfettgehalt eine gute Fleischleistung auf. Auch die Zucht der nordamerikanischen Holstein Friesian (HF) geht auf Schwarzbunte Rinder holländischer, deutscher und britischer Auswanderer zurück.

Anfang der 1960er-Jahre rückte die Rasse in den Hintergrund. Die HF-Kuh dominierte zunehmend die Milchvieh­haltung. Auch auf dem Familienbetrieb Gramsch wurden bis 2010 konventionell 86 HF-Kühe im Anbindestall gemolken. Jedoch entschied sich die Familie im selben Jahr, auf Bio umzustellen und einen neuen Laufstall zu bauen .

Die Herde auf dem Weg zur Weide. Quelle: Eberstein

Der betriebliche Neustart

Doch aller Anfang ist schwer. „Wir wollten einen geringeren Kraftfutteraufwand ­betreiben und unser Grundfutter besser einsetzen. Dabei haben wir festgestellt, dass das mit unseren damaligen HF-Kühen, die wir auf 9.000 kg Milch gemolken haben, nicht funktioniert“, sagt der Jung­landwirt. Außerdem waren behornte HF-Kühe schwieriger im Umgang. „Die Tiere setzen gerne ihr Horn gegeneinander ein“, sagt er.

Doch eines Tages stach ein Rind aus der Herde hervor. „Mein Vater hat eine Zeit lang viele Tiere zugekauft. Darunter befand sich auch ein Niederungsrind. Es war kleiner und vor allem viel ruhiger.“ Aus diesem Grund fing die Familie an, die alte Nutztierrasse in ihre Milchviehherde einzukreuzen.

Der junge Landwirt und sein Freundin setzten auf die alte Rasse. Quelle: Eberstein

„Zeitgleich haben wir es auch mit Fleckvieh probiert, aber die Rasse passte nicht zu uns und unserem Standort“, sagt der Junglandwirt. Aus diesem Grund ist die Familie beim DSN geblieben. Und ein Jahr später kaufte der Familienbetrieb die ersten reinrassigen Färsen zu.

Knapp sechs Jahre später übernahm Sven Gramsch den elterlichen Betrieb. Jedoch hätten finanzielle Altlasten und die Altersvorsorge der Eltern für den Junglandwirt eine Doppelbelastung bedeutet. Sven Gramsch einigte sich mit der Genossenschaft BioBoden und gehört heute der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof an, an der weitere 27 Landwirte beteiligt sind. „Die Altlasten wurden übernommen und auch meine Eltern sind finanziell abgesichert. Ich bewirtschafte heute als Pächter den Milchviehbetrieb und kann mich nun ganz auf meine Zucht konzentrieren“, sagt der Junglandwirt.

Neu eingetroffen auf dem Betrieb ist der DSN-Bulle Pieter aus der niederländischen Roosje-Familie. Die Linie überzeugt mit über 75.000 kg Milchleistung. Quelle: Eberstein

Zurück zum Ursprung

Bis auf zehn HF-Kühe handelt es sich bei der Herde um Kreuzungstiere. „Wenn man ­anfängt, eine Rasse umzustellen, sollte man sich immer noch eine Möglichkeit offen lassen. Es kann ja sein, dass man mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist und dann kann man wieder zurückzüchten auf HF“, erklärt Sven Gramsch. Dabei liegt der prozentuale DSN-Anteil bei den einzelnen Kreuzungstieren teilweise bei über 90 Prozent, wie bei der Kuh Adele mit 99 Prozent DSN-Anteil. Im Gegensatz zu reinen Holsteinkühen liegt die Milchleistung der 114 Kreuzungstiere bei circa 7.000 kg pro Kuh und Jahr. Dafür sind der Fett- und der Eiweißgehalt in der Milch höher im Vergleich zu den im Norden dominierenden Holsteinkühen.

Aber auch reinrassige DSN-Färsen kauft der Landwirt zum Teil tragend ein. „Loretta habe ich zusammen mit ihrem Kuhkalb gekauft. Sie geht zurück auf die Stammmutter Lina, eine Landmann-Tochter. Diese Linie ist besonders langlebig“, erklärt Sven Gramsch.

Die Herde besteht vor allem aus Kreuzungstierern. Dabei liegt der prozentuale DSN-Anteil teilweise bei über 90 Prozent Quelle: Eberstein

Auch eigene Kuhstämme versucht der Landwirt gerade in seine Herde zu integrieren, wie den A-Stamm mit der Kuh Alma. Die DSN-Kuh stammt von Athene (eine Atlastochter) ab, die wiederum eine Lebensleistung von 178.000 kg erreichte und dem Bullen August (100 Prozent reinerbig). Die Athene-Familie gehört zu Deutschlands ältesten Kuhfamilien. „Alma hat bisher einmal gekalbt. Die Milch weist einen Eiweißanteil von 3,70 Prozent und einen Fettanteil von 4,30 Prozent auf.“

Christoph, der Vererber

Für seine Zucht setzt der Landwirt Vererber wie den VOST-Bullen Christoph ein. Der Bulle zeichnet sich durch eine hohe Kreuzungseignung auf Holstein aus und soll die Inhaltsstoffe nachhaltig verbessern. In DSN-Reinzucht genutzt, soll er zudem positiv auf Fundament und Klauen wirken.

Sven Gramsch sorgt so dafür, dass das vom Aussterben bedrohte Niederungsrind wieder heimische geworden ist. Quelle: Eberstein

„Wir haben es zwar zwischendrin auch mit anderen Rassen probiert, sind aber immer wieder auf das DSN zurückgekommen“, sagt er. Und mittlerweile sei der Wunsch nach einer homogenen Herde stärker geworden. „Die kleine widerstandsfähige Rinderrasse passt einfach zu uns“, sagt der Junglandwirt aus Jade und schaut zu seinen Tieren hinüber, die grasend über das weite Grün ziehen. Hier in der Wesermarsch ist das vom Aussterben bedrohte Niederungsrind wieder heimisch geworden.

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