Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild hatten Marzell Bufflers Kollegen bei der Journalistenausbildung von Landwirtinnen. Grund genug für ihn, mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Den Anfang macht Monja Öchsle.

Heldinnen im Porträt: Monja von der Alb

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Den Anfang macht er mit Monja Öchsle.

Ein Beitrag von Marzell Buffler, Redakteur der Fachzeitschrift Landwirt

Dicke schwarze Wolken hängen über Altheim, einer kleinen Ortschaft 25 km nördlich von Ulm in Baden-Württemberg. Es ist düster und kalt. Der Wind peitscht einem um die Nase, der Sommer ist endgültig vorbei. Vor dem Öchslehof steht verlassen der pechschwarze Deutz Warrior, sein Vorderreifen spiegelt sich in einer trüben Pfütze. Der Traktor wartet samt Anbaugerät auf seinen Einsatz im Feld. Auch im Kuhstall ist es dämmrig. Durch die weit geöffneten Tore fällt kaum Licht ins Innere. Die hundert Kühe stört das wenig. Sie liegen größtenteils in ihren Liegeboxen und kauen gelangweilt wieder. Nur in der hinteren Ecke scheuert sich ein Tier den Kopf am Metallgestänge. Klackklackklack.

Pink ist das neue grün

Doch dann kehrt plötzlich Leben ein. Zügig aber nicht hektisch, läuft Monja Öchsle in ihren übergroßen Stiefeln über den Futtergang. An ihrer Arbeitshose kleben Reste von Futter, Kuhmist und Milch. Die Farbe ihres Pullovers sticht in der Monotonie aus Grün- und Brauntönen hervor, wie ein Flamingo im Dschungel – er leuchtet pink.

„Wenn ich mal bewusstlos irgendwo liege, findet mich mein Mann sofort“, lacht die 26-jährige und zeigt zur Begrüßung ihre makellos weißen Zähne. Nicht weniger als der Pullover strahlen dabei ihre braunen Augen. Monjas gute Laune steckt an. Selbst als sie in ernstem Ton weiterspricht, zeigen ihre Mundwinkel immer ein wenig nach oben: „Im Stall trage ich immer Pink. Pinker Pulli, pinke Hosen, pinke Gummistiefel. Privat bin ich nie so knallig angezogen. Aber unser Stall mit den Holzwänden ist dunkel. Da will ich nicht so trostlos herumlaufen. Wenn mir die Arbeit Spaß machen soll, möchte ich das auch zeigen.“ Oft sprechen sie Spaziergänger an. „Die freuen sich, wenn ich so bunt über den Hof renne.“

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild hatten Marzell Bufflers Kollegen bei der Journalistenausbildung von Landwirtinnen. Grund genug für ihn, mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Den Anfang macht Monja Öchsle.

Im Stall trägt Monja immer pink. Foto: Öchsle

Auch sonst ist Monja nicht die klassische Landwirtin, sondern aufgewachsen der Stadt. „Wohlbehütet“, wie sie sagt, „in einer Familie mit besserem Stand.“ Zur Landwirtschaft hatte sie keinerlei Bezug, nicht einmal ein Haustier gab es in ihrem Elternhaus. Da lag es auf der Hand, dass sie eine Ausbildung zur Kauffrau im Büromanagement macht. Doch dann lernte sie mit 18 Jahren Thomas kennen. Einen Landwirt. Ihre Eltern waren geschockt, die Mutter kann sich bis heute nicht mit dem Gedanken anfreunden. Beim ersten Besuch auf dem Hof dachte Monja: „Scheiße, was tust du dir da an.“

Doch schon damals zog Monja ihr Ding durch: „Thomas hat nie verlangt, dass ich auf dem Hof mitarbeiten muss. Aber wenn wir schon zusammen sind, dann helfe ich ihm auch.“ Nach kurzer Zeit ziehen die beiden zusammen. Monja steht morgens und abends im Stall, arbeitet tagsüber weiterhin als Managementassistentin im Büro. Auch jetzt lächelt sie wieder, und zupft an ihrem blonden etwas zerzausten High Bun: „Ich hatte überhaupt keine Vorstellung von Landwirtschaft und was da alles dahintersteckt.“

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild hatten Marzell Bufflers Kollegen bei der Journalistenausbildung von Landwirtinnen. Grund genug für ihn, mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Den Anfang macht Monja Öchsle.

Als sie ihren Mann kennenlernte, hatte Monja keine Ahnung von Landwirtschaft. Foto: Marzell Buffler

Der Lernprozess war schwierig. „Am Anfang hab ich meinem Mann beim Melken nur zugeschaut. Immer und immer wieder. Dann durfte ich unter seiner Aufsicht selber ran. Am Schluss musste ich fast wie eine Prüfung bei ihm ablegen.“ Den letzten Satz spricht sie extra laut, wohlwissend, dass Thomas gerade hinter ihr vorbeiläuft. Der kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die ungelernte Fachkraft

Vor vier Jahren wurde die junge Frau schwanger, hat ihren Bürojob gekündigt und arbeitet seitdem Vollzeit auf dem Betrieb. Heute läuft sie mit festem Schritt zwischen den Kühen hindurch, ihre Augen wandern von links nach rechts. Ab und zu bleibt sie stehen, lehnt sich an das Fressgitter und schaut genauer hin. Ihr entgeht hier nichts, sie hat jedes der Tiere im Blick, sieht wenn etwas nicht in Ordnung ist.

„Mittlerweile hat Thomas mir den Stall komplett überlassen. Ich bin hier den ganzen Tag und weiß was abgeht, während er draußen die Felder bewirtschaftet. Er nimmt mich da auch ernst, obwohl ich nicht Landwirtschaft gelernt hab.“

Mit der Familie von Thomas ist es da schwieriger. Der Schwiegervater kann es bis heute nicht akzeptieren, dass Monja im Stall das Kommando hab. Seit sie milkt, lässt er sich im Melkstand nicht mehr blicken. Das Leuchten in ihren Augen lässt nach, ihre Gesichtszüge verhärten sich kaum merklich: „Er ist halt noch auf der Schiene, dass die Frau daheim putzt und kocht,“ versucht Monja ihn zu entschuldigen. Was sie am meisten stört: „Dass er meine Verbesserungsvorschläge nicht annimmt, weil ich keine landwirtschaftliche Ausbildung habe.“

Learning by Doing

Dabei hat sich Monja in den zehn Jahren auf dem Hof ein breites Wissen angeeignet. Während andere Frauen in ihrer Freizeit Romane lesen, verschlingt sie abends ein Fachbuch nach dem anderen. Als Thomas seinen Meister macht, saugt sie alles auf, was sie in seinen Unterlagen findet. „Er hat schon gesagt, dass ich mehr weiß als er.“ Das bekam auch schon der Fütterungsberater zu spüren. Dem gab sie deutlich zu verstehen, dass seine Produkte nicht das halten, was er verspricht. Seitdem kommt er nicht mehr. Monja ist stolz, den Männern mit ihrem Fachwissen Paroli bieten zu können.

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild hatten Marzell Bufflers Kollegen bei der Journalistenausbildung von Landwirtinnen. Grund genug für ihn, mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Den Anfang macht Monja Öchsle.

Heute ist Monja die Chefin im Stall. Foto: Marzell Buffler

Der Erfolg gibt dem Ehepaar Öchsle Recht. Als es den Betrieb vor fünf Jahren übernommen hat, lief der nebenher und war wirtschaftlich unrentabel. „Das war die härteste Entscheidung in meinem Leben. Wir waren beide erst 21 und hatten nur vier Wochen Zeit uns zu entscheiden. Nächtelang haben wir Ordner gewälzt und mit Buchhaltern rumgerechnet. Irgendwann hab ich gesagt: „Lass uns das einfach machen. Mehr wie schiefgehen kann es ja nicht.“ Ich hab gespürt, dass mein Mann den Hof eigentlich übernehmen will. Aber aus Rücksicht auf mich, hätte er darauf verzichtet.“ Heute können Monja und Thomas samt ihrer beiden kleinen Kinder von der Landwirtschaft gut leben.

„Meine eigene kleine Welt“

Der Hof ist Monjas ganze Welt, trotz der vielen Arbeit. Sie entspannt sich beim Joggen oder im Kegelclub. Das geht während Corona leider nicht mehr. Lange Urlaube fehlen ihr dagegen nicht. Da ist es eher Thomas, der seine Frau wenigstens zu einem Tagesausflug drängen muss. Unter einer Bedingung: „Am Abend müssen wir aber wieder daheim sein. Ich will nicht, dass jemand anderes melkt.“

Dass sie diese Entscheidung treffen kann, macht für Monja ein selbstbestimmtes Leben aus. Ob das anderen gefällt oder nicht. Sie vergleicht es mit Mode: „Wenn eine Hose aus 2000 mir heute noch gefällt, zieh ich sie an. Egal ob das gerade Trend ist oder nicht.“ Sie will gegen den Strom schwimmen und es nicht wie andere Frauen machen. „Frauen, die nur auf ihre Karriere schauen, sind für mich nicht unbedingt stark. Sie machen ihren Job. Die Frauenquote fördert den Druck. Ich kenne einige, die sind vierzig und sitzen in einem Unternehmensvorstand. Und jetzt fällt ihnen ein, sie wollen doch ein Kind.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

#wirmelkenweiter Ob Lockdown hin oder her. Für uns wird sich nichts ändern – die Arbeit muss trotz allem gemacht werden. Soziale Kontakte vermeiden? Klar kein Problem, da wir eh den ganzen Tag im Stall sind bleiben eh nicht viele Möglichkeiten für soziale Kontakte 😂 Wie gesagt, für uns Landwirte wird sich so gut wie nichts ändern – einzigste Sorge ist, was passiert mit dem Milchpreis? Gibt’s wieder von jetzt auf nacher 5ct weniger, und wie viele Existenzen kommen jetzt ans Limit? Klar ändern kann ich in dieser Sache nichts, aber ich kann fest an das glauben was ich tue und den Leuten vermitteln „Hey schaut her, wir sind für euch da – Lockdown oder nicht – wir geben 100% und mehr für euch“ Und ich hoffe, dass diese Krisen, die Leute wieder mehr dazu bewegt regional einzukaufen, kleine Fehler familiäre Betriebe zu unterstützen und nicht alles als Selbstverständlich anzusehen… Und genau deswegen geh ich weiter mit Feuer und Flamme zum melken, weil ich weiß wos her kommt 😊 Wort zum Sonntag Ende! Wünsche euch allen einen schönen Abend ❤️ #stallstyle #sexylandwirtschaft #dorfkind #dorfkindmomente #agriculture #nofarmersnofood #fleckvieh #holsteiner #braunvieh #stallarbeit #stallselfie #kälber #landwirtschaft #landwirtin #landwirt #landwirtinausleidenschaft #ausliebezumberuf #kuhliebe #melken #melkstandselfie #milchvieh #milcherzeuger #wissenwosherkommt #regionaleinkaufen #lockdown #corona #2020 #verbraucher #wirfüreuch ❤️

Ein Beitrag geteilt von Monja/Farmer girl 🐮 (@monjas.farmlife) am

Für die junge Landwirtin ist wichtiger, dass man glücklich durchs Leben geht. Das will sie auch mit ihrem Instagram-Account monjas.farmlife zeigen. „Ich wollte damit nie polarisieren. Es geht nur darum, eine positive Stimmung zu erzeugen. Die Leute sollen sehen, dass Landwirte nicht nur griesgrämig auf dem Hof rumlaufen. Wenn nur ein Mensch lächelt, wenn er meine Bilder sieht, hab ich mein Ziel schon erreicht.“

Während sie das sagt, tritt sie aus dem Stall heraus. Der Wind hat sich gelegt, es ist wärmer geworden. Und die Wolken wirken ein kleines bisschen weniger dunkel.

Instagram-LogoFolge uns auch auf Instagram und werde Teil der Hofheld-Community!

Schreibe einen Kommentar