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Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Heldinnen im Porträt: Julia vom Erdbeerenbühl

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Ein Beitrag von Marzell Buffler, Redakteur der Fachzeitschrift Landwirt

Roarhommm… Ein markerschütterndes Brüllen dröhnt aus der Scheune auf dem Erdbeerenbühl. Hinter dem offenen Tor flackern zwei leuchtende Augen in drei Meter Höhe auf. Eine schwarze Rauchwolke zieht aus der Dunkelheit ins Freie. Sie vermischt sich mit dem kalten Herbstregen, der die schwäbische Alb seit Tagen in eine düstere Stimmung taucht. Der Geruch von verbranntem Öl mischt sich mit Tannenduft. Ein erneutes Röhren. In der Scheune bewegt sich etwas, die Augen werden größer, kommen näher.

Langsam rollt das gelb-grüne Ungetüm auf den Hof von Familie Jäger, die vier Räder sind fast mannshoch. Elf Tonnen Stahl kommen mit einem Ruck zum Stehen. Das laute Zischen der Druckluftbremsen lässt ahnen, welche Kräfte hier wirken. Die Glaskabine auf der Maschine wirkt aufgesetzt und zerbrechlich. Ein bisschen wie das Papamobil, nur in viel größer.

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Große Maschinen gehören bei Julia zum Alltag. Foto: Marzell Buffler

Die Tür schwenkt auf und gibt den Blick auf den Kommandostand der Forstmaschine frei. Dort hat es sich Julia Jäger bequem gemacht. Sie ist in dem Moment Gehirn und Schaltzentrale der 170 Pferdestärken unter ihr. Die glatten dunkelbraunen Haare der zierlichen 22-Jährigen fallen locker über ihre Schultern. Julia trägt eine schwarze Hose, modern und eng geschnitten, aber funktional mit seitlichen Taschen für Werkzeuge.

Über das T-Shirt hat sie die braune Fleece-Jacke eines bekannten Herstellers für Arbeitskleidung gezogen. Es ist keine der unförmigen und übergroßen Männerjacken. Der Passform nach, kommt sie aus der eigens für Frauen entwickelten Kollektion. Das einzige was an Julia grob, aber trotzdem nicht wie ein Fremdkörper wirkt, sind die geschnürten, knöchelhohen Arbeitsschuhe. Die eingebaute Stahlsohle und –kappe fordern ihren Tribut in Sachen Mode.

Lebensziel Bäuerin

Sicherheitsschuhe und Gummistiefel gehören für Julia zum Alltag. Die älteste von drei Töchtern ist auf dem Bauernhof auf der schwäbischen Alb aufgewachsen. Ihr Vater ist Forstunternehmer und Nebenerwerbslandwirt. Schon in der Grundschule wusste sie: „Ich werd` Bäuerin.“ Während sie das mit ihrer ruhigen aber bestimmten Stimme sagt, sitzt sie zurückgelehnt und mit verschränkten Armen am Küchentisch. Es ist Zeit für eine Kaffeepause mit ihrem Vater Günther.

Als es nach dem Schulabschluss darum ging, sich eine Ausbildung zu suchen, war Julia dennoch unsicher. „Ich wollte unbedingt was im Freien arbeiten und habe deshalb ein Praktikum beim Vermessungsamt gemacht. Aber das war dann doch zu viel Büroarbeit.“ So gab Julia am Ende doch ihrem ersten Impuls nach und entschied sich für die Landwirtschaftslehre.

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Sicher lenkt Julia die großen Maschinen durch den Wald. Foto: Marzell Buffler

Bis heute ist dieser Berufszweig von Männern dominiert. Auf zehn Auszubildende kommen gerade einmal zwei Frauen. Geschont wurde Julia auf ihren Ausbildungsbetrieben trotzdem nicht. Da kam es auch vor, dass sie alleine bei Wind und Schnee eine Silomiete abräumen oder zentnerschwere Eichenbalken umschichten musste. „Aber schließlich sind Lehrjahre keine Herrenjahre,“ resümiert sie und lächelt gequält. Ihr Vater Günther sieht das anders: „Zum Teil werden die Lehrlinge auf den Höfen richtig ausgebeutet. Egal, ob sie Junge oder Mädchen sind. Aber Julia hat das eisern durchgezogen. Wenn sie etwas will, macht sie es auch.“

Mein Bereich, dein Bereich

Man merkt Julia an, dass sie für das Leben auf dem Hof brennt. Wenn es geht, will sie den elterlichen Betrieb einmal übernehmen. Allerdings hat sie noch keine konkreten Plänen wie das aussehen kann. Um sich vorzubereiten, hat sie im September eine zweijährige Vollzeitschule als staatlich geprüfte Technikerin für Landwirtschaft angefangen. Günther erinnert sich zurück, welche Rolle Frauen früher in der Landwirtschaft hatten: „Damals waren Frauen auf dem Hof für Melken, Kinder, Haushalt da. Viele haben es bis heute nicht kapiert, dass Frauen genauso die großen Maschinen fahren können.“

Julia pflichtet ihm bei: „Ich war auch schon als Betriebshelferin auf Höfen, wo es am Anfang hieß, eine Frau können sie nicht brauchen. Aber am Ende waren sie doch alle zufrieden.“

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Die Betriebshelferin zeigt, wie Landwirtschaft und ein modernes Frauenbild zusammengehen. Foto: Marzell Buffler

Besonders einschneidend war für Julia ein Bewerbungsgespräch bei einem Maschinenring in der Nähe. „Die haben dringend landwirtschaftliche Betriebshelfer als Krankheitsvertretung für Betriebe gesucht. Die Sekretärin hat nicht mal meine Zeugnisse angeschaut. Sie ist einfach davon ausgegangen, dass ich in die Hauswirtschaft will.“

Während sie in ihrem Instant-Kaffee rührt, muss sie schmunzeln: „Außer Nudeln mit Soße kann ich nichts kochen. Ich hab gefragt, ob sie mich nicht wie ein Mann einstellen könnten. Da hieß es, dass sie doch niemanden brauchen.“ Wenig später hat Julia bei einem anderen Unternehmen als Betriebshelferin angefangen. Und wurde für ihren ersten Einsatz dann prompt an den Maschinenring ausgeliehen – weil dort Arbeitermangel herrschte.

Der Sohn, der eine Tochter wurde

Dass ihr Vater stolz auf seine Älteste ist, erkennt man schon daran, wie er sie neckt und gleichzeitig liebevoll anschaut. Mit einem breiten Lächeln hinter seinem grauen Vollbart macht er seine Späße: „Eigentlich hätte sie ja ein Junge werden sollen. Nach der dritten Tochter hab ich dann akzeptiert, dass es keine Söhne mehr gibt. So passt es jetzt auch. Aber ab und zu will Julia halt unbedingt ihren Kopf durchsetzen.“

Hinterwäldlerisch, hörig, plump – dieses Bild von Landwirtinnen ist leider immer noch weit verbreitet. Grund genug für Marzell Buffler, während seiner Journalistenausbildung mit einer Porträtserie das Gegenteil zu beweisen. Hier stellt er unsere Bloggerin Julia Jäger vor.

Julia und ihr Vater Günther sind ein eingespieltes Team. Foto: Jäger

Besonders vorletztes Jahr, als Günther eine neue Hüfte bekommen hat und neun Monate ausfiel, hat Julia viel Verantwortung übernommen. Sie führte das komplette Forstunternehmen und den Bauernhof. Rückwirkend sagt sie: „Die Arbeit im Wald war schon eine Herausforderung. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, weil ich bis dahin kaum mit den Maschinen gefahren bin. Trotzdem hat es gut funktioniert.“

„Sie hat ihren Mann gestanden“, ergänzt Günther. Auch sonst ist Julia keine typische Prinzessin. Sie lacht „Ich bin einfach ein Bauer.“ Dann ergänzt sie schnell: „Nein, ich bin halt viel in Vereinen aktiv. Und ich geh gern auf Dorffeste, wo man jeden kennt. Shoppen geht gar nicht. Wenn mich meine Freundinnen mitnehmen, bin ich abends immer ganz fertig.“ Ganz glauben kann man das nicht. Schließlich trägt sie im Haus skinny Jeans, dazu ein modisches Top mit Spaghettiträgern. Um ihren Hals hängt ein feingliederiges Silberkettchen mit einem winzigen Heiligenanhänger. Und auf der Innenseite des rechten Handgelenks wird eine zarte Tätowierung sichtbar, als sie sich mit ihren kurzen, aber gepflegten Fingernägeln am Hinterkopf kratzt: „Ok, es muss auch nicht sein, dass man schon von der Weite sieht, wer ein Bauer ist.“

Den Wald aufs Smartphone holen

Wenig später thront Julia wieder in ihrer Arbeitskleidung auf dem luftgefederten Sitz des Forsttraktors mitten im Wald. Sie hat die Arme auf den Armstützen abgelegt. Ihre Hände umschließen jeweils locker einen Joystick, die Daumen schweben über den unzähligen Knöpfen. Kaum merklich bewegt sie die rechte Hand. Mit Ächzen hebt sich der sieben Meter lange Kran hinter ihr und schwenkt nach links. Wie der Hals einer Giraffe verschwindet er im Dickicht. Unter lautem Krachen brechender Äste, zieht Julia mit dem Greifer zwei dicke Buchenstämme auf den Weg. Bevor sie diese am Wegrand ablegt, klappt sie die Armlehne nach oben und springt aus der Maschine. Mit einem geübten Griff holt Julia ihr Smartphone aus der Tasche und macht ein Selfie.

 

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Das braucht sie für ihren Instagram-Kanal. Dort erzählt die Jungbäuerin seit über fünf Jahren von ihrem Leben auf dem Hof. Wie gut das ankommt, zeigen ihre mittlerweile 29.500 Follower. „Ein Trend,“ beobachtet Julia. Leider finden sie in den Sozialen Medien zum Thema Landwirtschaft nicht nur Frauen mit ihrem eigenen Anspruch: „Dort gibt es immer mehr Mädels, die halbnackt vor einem Traktor posieren.“

Für Julia zerstören sie das Bild moderner Frauen in der Landwirtschaft, das sie so mühevoll aufgebaut hat: „Es kann ja jeder auf Instagram machen, was er will. Aber ich fände es abstoßend, wenn sich meinen Kanal nur ältere Männer anschauen, weil ich sexy Fotos poste.“

Mach dein Ding und steh dazu

Starke Frauen definieren sich für Julia darüber, dass sie ihr eigenes Ding durchziehen. Sie selber bewundert zwar alle, die eine steile berufliche Karriere hinlegen: „Aber es ist nicht richtig, Frauen als altbacken hinzustellen, nur weil sie das nicht so machen. Wenn sich eine Frau daheim um ihre fünf Kinder kümmert, muss man das genauso wertschätzen. Viele wollen alles haben, aber dann kommt immer etwas zu kurz. Da muss man sich halt entscheiden.“

In diesem Moment vibriert das Telefon in ihrer Hand. Julia geht ran, ein Freund ist am anderen Ende: „Ich muss los, mein Kumpel braucht Heu und Stroh für seine Hasenzucht.“ Sie schwingt sich in ihren Forsttraktor, lässt den Motor noch einmal aufheulen und braust Richtung Erdbeerenbühl davon.

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