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Gleichgeschlechtliche Partnerschaft: Respekt für die Liebe

Jörg Meier hat einen Landwirt geheiratet. Das gleichgeschlechtliche Paar fühlt sich in seinem Umfeld akzeptiert. Vielen homosexuellen  Landwirten geht es jedoch anders, wie der Fotograf aus zahlreichen Gesprächen weiß. Er berichtet von sich und weiteren Erfahrungen.

Ich habe mich verliebt. Ausgerechnet in einen Bauern. Das war vor 22 Jahren, seitdem leben wir als schwules Paar gemeinsam auf unserem Hof.

Ich selbst bin allerdings kein Landwirt, sondern freiberuflicher Fotograf und Kulturpädagoge, arbeite also nur nebenbei mit auf dem Betrieb. Unser Hof liegt außerhalb von Iserlohn am Rande des Ruhrgebiets am Tor zum Sauerland. Wir haben 60 Milchkühe plus Nachzucht und dazu 60 ha Acker- und Grünland.

Zuhören und Unterstützung bieten

Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass die LSBT-Gemeinschaft (LSBT steht für lesbisch, schwul, bi- und transsexuell) innerhalb der Landwirtschaft groß ist. Allerdings ist die Dunkelziffer erheblich und das Spektrum reicht von „verheiratet mit Kindern und glücklich“ bis zu „einsam und trägt sich mit Selbstmordgedanken“.

Aufklärung und Unterstützung sind wichtige Eckpfeiler, um homosexuellen Landwirten zu helfen, vor allem auch, wenn es um den oft schwierigen Schritt geht, sich zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen.

Andreas Deyer bietet über die Plattform „Gayfarmer“ anonyme Erstgespräche an und berät, wenn es um ein mögliches Coming-Out geht. Die Gruppe besteht seit 1999 und ist inzwischen auf eine Mitgliederzahl von 400 herangewachsen. Beruflich führt Deyer einen Milchviehbetrieb bei Stockach am Bodensee, den er gemeinsam mit seinem Mann Jens-Olaf Schieß und einem Freund betreibt.

Andreas Deyer (re., mit Partner Jens-Olaf Schieß) berät schwule Kollegen bei „Gayfarmer“. Quelle: Meier

„Bei einem Erstgespräch kommen Themen wie Einsamkeit auf den Tisch“, erzählt Andreas. „Gerade in ländlichen Regionen stelle ich fest, dass Homosexuelle einsamer werden, wenn der Freundeskreis aus jungen Jahren langsam auseinanderbricht. In verschiedenen Regionen bieten wir Treffen an, auch ganze Wochenenden. Das wird sehr gut angenommen.“ Andreas ist ein guter Zuhörer und urteilt nicht vorschnell. „Das Wichtigste ist erst mal Aufmerksamkeit. Bei Bedarf versuche ich auch, professionelle Hilfe zu vermitteln. Die meisten lehnen das aber ab.“

Den Deckel zum Topf finden

Ähnlich wie ihre heterosexuellen Kollegen setzen viele LSBT-Landwirte ihren Beruf an erste Stelle – hohe Selbstdisziplin gepaart mit (über)großem Verantwortungsbewusstsein für eine Menge Tiere und Land. Wenn in einer Partnerschaft aber fast immer der Beruf an erster Stelle steht, verlangt das vom Partner einen ähnlichen Enthusiasmus, viel Entgegenkommen – oder Leidensfähigkeit.

Die Landwirte von heute wissen, wie schwer es ist, einen Partner zu finden, der mit einem durch dick und dünn geht. Und das wird nicht gerade einfacher, wenn man lesbisch oder schwul ist. Soziale Netzwerke bieten neue Chancen. So muss man nicht alles dem Zufall überlassen. Und man kann über den Teller- oder Feldrand hinausschauen. Leider ist aber auch der oder die Angebetete am anderen Ende oft zunächst einer Hofromantik verfallen, die dem Alltag schnell Platz macht.

Jeff Korsmit (32) aus Sint Willebrord hat seinen Hof im Süden der Niederlande zwischen Rotterdam und dem belgischen Antwerpen. Er baut gerade eine Art Nischenbetrieb auf mit ungarischen Mangalitza-Schweinen und mit Fleischkaninchen. Sein größtes Problem, sagt er, sei der Mangel an Fläche. Er würde gern seinen Betrieb vergrößern, aber Boden ist rar. Die typischen Probleme von Agrarbetrieben sind eben überall ähnlich, egal ob der Betriebsleiter homo- oder heterosexuell ist.

Jeff Korsmit lebt im Moment allein, doch er ist sicher: „Auf jeden Topf passt ein Deckel.“ Quelle: Meier

Korsmit nutzt die neuen Medien, um andere Männer kennenzulernen und sieht seinen abseits gelegenen Hof dabei nur bedingt als Nachteil. „Op elke pot past een deksel“, sagt er. Auf jeden Topf passt ein Deckel. Dennoch lebt und arbeitet er meist allein.

„Die Niederlande sind per se sehr liberal. Es macht meiner Familie, den Nachbarn, Arbeits- und Geschäftspartnern nichts aus, dass ich schwul bin“, erklärt Korsmit. Schwul zu sein ist in unserem Nachbarland kein Problem – eher eine Facette, die zu einer Person gehört. Daher ernte ich auf Fragen, die sich um Diskriminierung drehen, nur Kopfschütteln.

Auch ohne Erben: Betriebsaufgabe undenkbar

Das ist in Deutschland anders. Ich habe bislang hierzulande mit 24 homosexuellen Landwirten gesprochen und viele von ihnen interviewt. Das ist mehr als ich auf Fotografien zeigen kann, denn viele schwule und lesbische Bauern und Bäuerinnen finden immer noch, sie sollten lieber etwas vorsichtig sein. Nicht aus Angst vor direkter Diskriminierung oder offenem Hass, aber sehr wohl aus der Überzeugung, dass sie sich in der Öffentlichkeit verwundbar machen.

Das ländliche Umfeld deutscher LSBT-Landwirte besteht oft aus zahlreichen konservativen Kräften: Es gibt Nachbarn, Geschäftspartner, Angestellte, Berufskollegen, Lohnunternehmer, Pächter, Verpächter, Kunden, den Jäger und viele mehr. Ein Leben als Landwirt ohne dieses Umfeld ist nicht möglich, da es starke Abhängigkeiten gibt. Das bereitet vielen Sorgen. Deshalb erhalte ich nach anfänglichem Enthusiasmus und sogar noch nach dem absolvierten Fototermin häufig doch keine Einwilligung zur Nutzung von Bildern oder der Interviewbogen bleibt leer.

Lesbische Landwirtin, schwuler Landwirt: es ist vor allem in diesem Beruf nicht immer einfach. Quelle: Adobe Stock

Ein Beispiel dafür ist ein Landwirt aus dem süddeutschen Raum, den ich anonym erwähnen, aber weder Name noch Fotos zeigen darf. Er lebt zwar offen schwul, hat allerdings trotzdem Angst vor einer Stigmatisierung. Er ist ein Mann in den Vierzigern, der seinen Betrieb mit Aushilfen betreibt, aber viel alleine ist. Er ist einsam. Weder soziale Netzwerke noch Partys für Männer haben es geschafft, einen Partner längere Zeit an ihn zu binden.

Auch bei ihm steht der Betrieb im Vordergrund und er gibt offen zu: „Wenn der Typ nicht bleiben will, muss er wieder gehen. Ich trage sehr viel Verantwortung.“ Auf die Frage, für wen er arbeitet und wem er alles vererben wird, tätschelt er seinen Hund und zuckt mit den Achseln. „Tja … Aber an eine Aufgabe des Betriebes ist nicht zu denken, schon weil er in einer langen Tradition steht.“

Hofübergabe an den schwulen Sohn

Einen anderen Betrieb mit erfreulicheren Strukturen lerne ich wiederum in den Niederlanden kennen. Hier arbeiten zwei Generationen zusammen. Jan Speksnijder (32) und sein Partner John Bokdam (31) übernehmen gerade den elterlichen Betrieb. Beide sind ausgebildete Landwirte. Sowohl der Vater als auch die Mutter von Jan Speksnijder sind noch im Betrieb, was sich aber bald ändern soll.

Jan Speksnijder (links) und John Bokdam übernehmen gerade den Hof von Jans Eltern – für ihre Kunden und Geschäftspartner kein Problem. Quelle: Meier

„Wir haben 50 ha Grünland, 95 Milchkühe und produzieren Milch und Gouda“, sagt der Betriebsnachfolger. Sieben Tage die Woche zu arbeiten, belastet ihn schon. Aber seitdem sein Partner John vor Kurzem zu ihm gezogen ist, geht alles leichter von der Hand. Gerade haben sie für ihren Gouda einen Preis gewonnen. Den ausgezeichneten Käse verkaufen sie im eigenen Hofladen.

Speksnijder hat sich erst mit 27 geoutet, Probleme gab es mit dieser Information aber nicht. Die beiden Jungbauern haben sich direkt über dem Kuhstall ihr zweistöckiges Reich gezimmert. Man betritt einen riesigen Wohnraum mit altem Ambiente inklusive Gemälde, einer langen Tafel, an der mindestens 20 Leute Platz finden, einem Fitnessstudio im Flur – und einer großen Fensterfront zum Kuhstall mit Futtertisch.

Sie meinen es sehr ernst mit ihrem Beruf, auch wenn sie bei der Frage nach der Hinterlassenschaft einig sind: „Dann müssen wir alles verkaufen.“ Akzeptanzprobleme in ihrem Umfeld kennen sie nicht. „Wir verkaufen genauso viel Käse wie die Generation vor uns.“

Autor Jörg Meier (links) und sein Mann Henning Jochheim fühlen sich in ihrer Gemeinde akzeptiert. Quelle: Meier

Das ganze Spektrum akzeptieren

In den Niederlanden erhält man den Eindruck, dass die Frage, wie andere Formen der Sexualität und ein  landwirtschaftliches Dasein ineinanderpassen, abstrus ist. Auf der privaten, nachbarschaftlichen und auch professionellen Ebene können sich homosexuelle Landwirte völlig frei bewegen.

In Deutschland gibt es im Umgang mit Homosexualität noch viel Verunsicherung, vor allem auf dem Land. Mein Mann und ich haben das zum Glück nie kennengelernt, denn in unserer kleinen Gemeinde sind wir voll akzeptiert. Sexualität beinhaltet ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten. Unser Dorf scheint das zu wissen.

Weitere spannende Informationen findest Du auf agrarheute.com und in der Juliausgabe von agrarheute.

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