Frisch gezapft, die Milchtankstelle

Persönlich und regional einkaufen — immer mehr Verbraucher suchen den Kontakt zum Erzeuger. Ceres-Finalist Andrè Mahlstedt setzt seit vier Jahren auf Direktvermarktung.

Originalbeitrag von Jana Semenow, agrarheute.

Ranfahren und vollmachen — das Prinzip des Selberzapfens klappt nicht nur mit dem Auto, sondern auch am Milchautomaten. Gleich fünf Automaten stehen den Kunden von Familie Mahlstedt im niedersächsischen Stuhr zur Verfügung.

Die Idee zu den Automaten kam Andrè Mahlstedt bereits im Rahmen seiner Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister. „Meine Abschlussarbeit befasste sich mit der Möglichkeit der Direktvermarktung meiner betriebseigenen Milch am Automaten. Mit dem Ende der Milchquote zum 1. April 2015 fiel dann der Startschuss für den Aufbau des Vermarktungswegs“, sagt der Landwirt.
Zu Anfang wurde in unmittelbarer Nähe des Betriebs in einem neu gebauten Verkaufshäuschen eine Milchtankstelle errichtet. Nur 50 m von einer Wohnsiedlung entfernt, können Kunden ganz bequem die Milch der 135 Holsteinrinder ab Hof kaufen.

Frischer geht´s nicht. Milch direkt aus dem Kuhstall gibt es am Automaten rund um die Uhr. Quelle: Jaworr

Im Durchschnitt liegt die jährliche Leistung seiner Herde bei circa 10.000 l Milch. Gemolken wird im 16er-Swing-over-Melkstand. Inklusive Vor- und Nacharbeiten werden für das Melken von 130 Kühen knapp zwei Stunden benötigt.

Auch im Supermarkt

Aber nicht nur direkt am Hof vertreibt Andrè Mahlstedt seine Milch. Vier weitere Automaten folgten nach hartnäckiger Verhandlung in drei Kaufland- und einem EDEKA-Markt in näherer Umgebung. Unter dem Stichwort „Gutes aus Stuhr“ wirbt Andrè Mahlstedt aus der Nähe von Delmenhorst für die weiße Köstlichkeit.

Die auf dem Hof pasteurisierte Milch wird in Glasflaschen für 1 Euro/l angeboten. Die Märkte erhalten eine Umsatzbeteiligung von knapp 10 Cent/l. Damit die Automaten immer gut bestückt sind, werden sie von zwei zuverlässigen Minijobbern betreut.

„Aktuell verkaufen wir rund 6.000 l Milch pro Monat über die Milchtankstellen“, sagt der Landwirt.
Knapp 160.000 Euro hat der Milchviehhalter aus Stuhr in die Automaten investiert. Darin eingerechnet ist ein Regiomat im Verkaufshäuschen am Hofstandort. Hier kann der Kunde neben Eiern, Honig, Joghurt und Käse auch Marmelade und Wurst aus der Region erwerben. Im kleineren Umfang wird das Fleisch der betriebseigenen Rinder ver­marktet.

Ein richtiges Familienunternehmen: Familie Mahlstedt im niedersächsischen Stuhr. Quelle: Jaworr

Doch auch mit Rückschlägen hatte der Milchviehhalter zu kämpfen. „Der Milchautomat am Hof wurde einmal aufgebrochen. Das war ein Schaden von knapp 2.000 Euro für die Reparaturarbeiten. Deswegen haben wir nachträglich ein Gitter zur Sicherung angebracht“, sagt der Landwirt. Die Automaten in den Supermärkten stehen sicher.

Mehr aus Milch machen

Aber Andrè Mahlstedt ist nicht allein auf die Direktvermarktung der Milch fokussiert. Seit dem 1. Mai 2018 arbeitet er mit dem nahegelegenen Betrieb Seggern zusammen. Dieser verfügt über eine hofeigene Molkerei und beliefert Schulen, Kindergärten und Haushalte mit Trinkmilch und Joghurt.

Die Milchviehhaltung hat die Molkerei aufgegeben und Familie Mahlstedt hat 15 Kühe von ihnen übernommen. Monatlich liefert der Milchviehbetrieb zwischen 9.000 bis 9.500 l Milch an die Hofmolkerei Seggern ab und soll später einmal von Andrè Mahlstedt übernommen werden.

Die Milch liefert der Landwirt frisch zu den Milchtankstellen. Quelle: Jaworr

Aber nicht nur Milch wird vermarktet. Seit kurzem wird auch Käse hergestellt. Dafür arbeitet der Landwirt mit einer mobilen Käserei zusammen. In festen Abständen wird die pasteurisierte Milch direkt aus dem Melkstand abgepumpt und weiterverarbeitet. Der Käse muss anschließend sechs Wochen reifen. Der Kunde kann zwischen den Geschmacksrichtungen Natur, Mediterran und Chili wählen. Für den Verkauf wurde extra ein eigener Raum eingerichtet. Die hygienischen Standards werden regelmäßig vom Veterinäramt überprüft.

Bei Familie Mahlstedt wird nicht nur Frischmilch, sondern auch Joghurt und Käse angeboten. Quelle: Jaworr

Die Direktvermarktung bedeutet für Familie Mahlstedt auch einen engen Kontakt zum Verbraucher. Und dieser wird mit Überzeugung gepflegt. Ob Kindergärten, Schulklassen oder vorbeikommende Besucher, auf dem Betrieb ist jeder willkommen. Zudem kommuniziert die Familie über Facebook und über die eigene Homepage mit den Verbrauchern.

Clevere Patenschaft

Nicht nur für die Direktvermarktung hat der Landwirt ein Händchen. Infolge des Volksbegehrens zum Bienensterben entwickelte Mahlstedt eine clevere Idee. „Warum sollen immer nur wir Landwirte die Welt retten?“, sagt der Landwirt augenzwinkernd. Ab etwa 25 Euro kann auf der 1,5 ha großen Fläche neben der Milchtankstelle ein Blühstreifen angesät werden. Die unterstützenden Paten können ihre Fläche jederzeit besuchen und nehmen vielleicht auf dem Heimweg noch eine frisch gezapfte Flasche Milch mit.

 

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