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Henriette Keuffels mit Kalb Karl. Die junge Frau ist die Protagonistin in einem neuen Film von Ulrich Koglin (hinten rechts).

Ein Kalb für alle Fälle: Worauf es bei Filmen über die Landwirtschaft ankommt

Wer Außenstehenden etwas über Landwirtschaft erzählen möchte, muss den richtigen Ton treffen. Und manchmal hilft es, ein drolliges Kalb zur Hand zu haben. Das weiß auch Landwirtin Henriette, die für „LandWild“ selbst vor der Kamera stand.

Karl tobt durchs Stroh. Der kleine Fleckviehbulle macht wilde Bocksprünge, kämpft mit feindlichen Strohhalmen – und versetzt ein Filmteam in Verzückung. Die Bilder, die das niedliche Kalb liefert, werden ein Hingucker. Da ist Ulrich Koglin sicher. Der Filmemacher weiß, was die Blicke der Zuschauer magisch anzieht. Er macht seit vielen Jahren für ein breites Publikum Filme über Landwirtschaft und Landleben – lange für den NDR und jetzt für seine eigene Videoplattform.

Zurück zu Karl. Der hat genug getollt; jetzt hat er Hunger. Gierig nuckelt das mutterlose Kalb an der Milchflasche, die Henriette Keuffel ihm entgegenstreckt, während sie von pflichtvergessenen Kuhmüttern, kniffliger Handaufzucht und der Liebe zu ihrem Beruf erzählt. Die junge Frau mit dem ansteckenden Lächeln ist die Protagonistin von Ulrich Koglins neuem Film. Ihretwegen ist er hier in der Genossenschaft Agrar-Produkte Spornitz, ein paar Kilometer westlich von Parchim in Mecklenburg-Vorpommern.

Der kleine Fleckviehbulle Karl wird die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern. Quelle: Eberstein

Jenseits von Spektakel und Komik

Die Bilder von dem munteren Kalb werden der Aufhänger für die Geschichte, die Koglin erzählen will. Übers Emotionale zum Sachlichen lautet die Devise. Wer fürs Fernsehen dreht, lernt schnell, wie wichtig ansprechende Bilder und der richtige Ton sind. Koglin hat in den vergangenen 30 Jahren unter anderem Filme für die „Landpartie“ im NDR gemacht. Das Format hat er einst mit aus der Taufe gehoben. „Ich komme ursprünglich vom Dorf und habe heute einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb in der Nähe von Gadebusch in Nordwestmecklenburg“, erzählt er. „Deswegen liegt es mir am Herzen, den Leuten von Landwirtschaft und dem Leben auf dem Land zu erzählen, ohne die immer gleichen Klischees zu bedienen.“ Das hat viele Jahre gut funktioniert. Doch inzwischen haben sich die Ansprüche verändert.

Für Ulrich Koglin war das Anlass, seine Arbeit für den NDR zu reduzieren. „Wie andere Publikumsmedien auch stehen die öffentlich-rechtlichen Sender unter dem Druck, Quote zu machen. Die großstädtisch geprägten Redaktionen fordern daher vor allem spektakuläre oder komische Geschichten.“ Für die sachlichen Berichte über den Alltag auf dem Land, die Koglin so gerne zeigen möchte, bleibt da immer weniger Platz.

Jetzt dreht Koglin für „LandWild“, seinen eigenen Videokanal in den sozialen Medien. Gefördert wurde der Start des Projekts von der gemeinnützigen Stiftung „Wald und Wild Mecklenburg-Vorpommern“ und vom Schweriner Agrarministerium. Über die Themen bestimmt er jetzt wieder allein.

Heute geht es um die Leidenschaft, Landwirtin zu sein. Und darum, diese Leidenschaft anderen zu vermitteln. Denn im weitesten Sinne sind Ulrich Koglin und Henriette Keuffel Kollegen. Beide bringen Menschen außerhalb der Agrarbranche Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung näher.

Henriette Keuffel, die Protagonistin ist neben Studium und Job seit drei Jahren ehrenamtlich als AgrarScout unterwegs. Quelle: Eberstein

Begeisterung nach außen tragen

Henriette Keuffel ist neben Studium und Job seit drei Jahren ehrenamtlich als AgrarScout unterwegs. Gemeinsam mit rund 600 weiteren engagierten Menschen aus der Branche gibt sie auf Veranstaltungen wie der Internationalen Grünen Woche der hiesigen Landwirtschaft eine Stimme und ein Gesicht.

Das Projekt gehört zum Forum Moderne Landwirtschaft. AgrarScouts beantworten Fragen, erklären Arbeitsweisen und Technik, setzen sich mit Kritik auseinander, beseitigen Missverständnisse. „Im direkten Dialog ist es viel einfacher, zueinanderzufinden. Heute kennt ein Großteil der Gesellschaft keinen Landwirt mehr persönlich. Das wollen wir ändern“, sagt Henriette Keuffel. Die Aufgabe ist allerdings nicht einfach. Neben Fachwissen braucht es dafür vor allem Offenheit, Geduld, Redegewandtheit und Ausstrahlung.

Die beiden letzten Eigenschaften machen die junge Frau zum perfekten „Filmobjekt“ für Ulrich Koglin. Nicht jeder strahlt so unbefangen in die Kamera. Aber genau das schafft den „Draht“, der so wichtig ist – zum Gesprächspartner vor Ort ebenso wie zum Zuschauer vor dem heimischen Bildschirm.

Koglins Film wird zwei Teile haben: Henriette als Landwirtin, die voller Begeisterung von ihrem Beruf, ihrem Betrieb und ihren Tieren erzählt, und Henriette als AgrarScout, die sich von Grüne-Woche-Besuchern auf dem ErlebnisBauernhof ausfragen lässt und über die Messe streift, um Neues zu lernen, das sich an neugierige Besucher weitergeben lässt. Jeder der beiden Filme wird nur wenige Minuten lang sein, denn die Aufmerksamkeitsspanne von Youtube-Nutzern ist kurz.

Filmemacher Ulrich Koglin dreht häufig in Ställen und auf Betrieben.

Filmemacher Ulrich Koglin dreht häufig in Ställen und auf Betrieben. Quelle: Eberstein

Viel Aufwand für die Leichtigkeit

Dass die Dreharbeiten auf der Agrargenossenschaft in Spornitz an diesem Sonntag trotzdem mehrere Stunden dauern, ist normal. Koglin braucht Material zum Schneiden. Deswegen filmt sein Kollege Thomas Baeter unermüdlich.

Einfach hat er es nicht; der Tag ist trüb und sehr nass. Immer wieder wischt der Kameramann die Nieseltröpfchen von der empfindlichen Technik. Außenaufnahmen sind fast unmöglich. Also geht’s zurück in den Stall.

Hier wird es allerdings auch knifflig. Die Mutterkuhherde ist, was die Filmerei angeht, nicht so kooperativ wie der kleine Karl vorhin. Die Fleckviehkühe sollen den Hintergrund bilden für eine Szene, in der Henriette Keuffel über Fütterung redet. Aber immer, wenn Licht und Kamera aufgebaut werden, verschwinden die rotweißen Köpfe vom Futtergang. Zu ungewöhnlich ist das Treiben da vor dem Fressgitter. Am Ende hockt die junge Frau vor einem leeren Stallabteil – kein schönes Motiv.

Henriette Keuffels mit Kalb Karl. Die junge Frau ist die Protagonistin in einem neuen Film von Ulrich Koglin (hinten rechts).

Henriette Keuffels mit Kalb Karl. Die junge Frau ist die Protagonistin in einem neuen Film von Ulrich Koglin (hinten rechts). Foto: Eberstein

Authentisch sein

Also noch mal von vorn: Kühe kommen lassen, langsam anpirschen, leise die Technik aufbauen, pantomimische Klappe, alles andere wäre zu laut. Diesmal bleiben einige neugierige Mutterkühe stehen. Henriette Keuffel lässt Silage durch ihre Finger rieseln und erklärt Futterkonservierung so, dass es auch Laien verstehen: „Das ist wie beim Sauerkraut, das wird ja auch angesäuert und haltbar gemacht.“ Schnitt, die Szene ist im Kasten – und wird in der Endfassung des Films nur 24 Sekunden dauern.

Das ist viel Aufwand für einen kurzen Film, der am Ende wirkt, als sei alles ganz spontan gewesen. Genau diese Authentizität lockt die Zuschauer. Als Ulrich Koglin das fertige Video zwei Tage später ins Netz stellt, hat er schon nach kurzer Zeit tausende Aufrufe.

Das liegt natürlich auch ein bisschen an Karl. Tiere ziehen immer, junge ganz besonders. Aber sei’s drum: Wer sich die Aufnahmen von dem kulleräugigen Kalb angeschaut hat, hat ganz nebenbei erfahren, wie Silage zubereitet wird, was eine Zweinutzungsrasse ist, wann Kälber geboren werden – und wo man AgrarScouts wie Henriette Keuffel treffen und über Landwirtschaft löchern kann.

Weitere spannende Informationen findest Du auf agrarheute.com und in der Aprilausgabe von agrarheute.

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