Den Sitz und die Spiegel richtig einstellen, Gefahrenbremsung oder bremsen auf nasser Fahrbahn. Das alles lernt man bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC. Wie dieses Training abläuft und warum die Teilnehmer danach anders Traktor fahren, liest Du hier.

Fahrsicherheitstraining mit dem Traktor

Den Sitz und die Spiegel richtig einstellen, Gefahrenbremsung oder Bremsen auf nasser Fahrbahn. Das Alles lernt man bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC. agrarheute-Kollege Bernd war live dabei und erzählt, wie es war.

von Bernd Feuerborn, agrarheute

Morgens um 8 Uhr im Fahrsicherheitszentrum Thüringen des ADAC in Nohra. Ich sitze zusammen mit acht Teilnehmern im Schulungsraum. Vorne gibt Fahrlehrer Joachim Reum die üblichen Sicherheitshinweise: „Immer nur nach Anweisung fahren. Höchstgeschwindigkeit 30 km/h und immer angeschnallt fahren!“

Ok, denke ich, wann habe ich mich zuletzt auf dem Traktor angeschnallt? Ich kann mich kaum erinnern, obwohl es mir beim Auto in Fleisch und Blut übergegangen ist und ich mich ohne Gurt unwohl fühle. Nicht so auf dem Traktor: rauf auf den Sitz, Zündschlüssel rum und los geht es.

Erst Einstellen

Draußen bei der ersten Übung werde ich eines Besseren belehrt: Zu allererst wird der Sitz richtig eingestellt. Stimmt die Sitzhöhe? Die Oberschenkel sollten vorne an der Sitzkante noch etwas Luft haben, sonst werden die Beine schlecht durchblutet und sie ermüden. Kupplung und Bremse lassen sich bis zum Ende durchdrücken, ohne das die Knie durchgedrückt sind. Die Lehne ist relativ gerade und stützt den Rücken ab. Nur so lässt sich bei Gefahr sicher bremsen.

Dann gilt es das Lenkrad so einzustellen, dass sich alle Lenkbewegungen durchführen lassen – und zwar ohne große Verrenkung. Nun noch die Spiegel einstellen. Natürlich verstelle ich nur den Hauptspiegel. Den neuerdings vorgeschriebenen Weitwinkelspiegel lasse ich, wie er ist.

Ein großer Fehler: Wenn ich den Weitwinkelspiegel so eingestellt hätte, dass ein Übergang vom normalen zum Weitwinkelspiegel entsteht, gäbe es fast keinen toten Winkel. Dann decken die Spiegel beinahe den gesamten Bereich neben dem Fahrzeug ab – sprich, man kann fast alles hinter dem Fahrer sehen. Alle Teilnehmer sind baff und verstellen nun auch die Weitwinkelspiegel.

Nach der Theorie geht es in die Praxis und ab auf die Traktoren von Steyr und Case IH. Alle sind mit stufenlosem Getriebe ausgestattet, damit sich alle Teilnehmer voll auf das Fahren konzentrieren können. Eine Anweisung vom Fahrlehrer gibt es noch, bevor wir die Eingewöhnungsrunden machen: „Immer auf die Kupplung steigen, wenn eine Gefahrenbremsung gemacht wird.“ Fünf Traktoren stehen bereit: Ein Traktor ist solo, einer mit Pflug, zwei ziehen einen Zweiachsanhänger und ein Schlepper hat einen Tandemkipper angehängt.

Für den Anfang fahren wir locker um die Pylonen, um ein Gefühl für den Traktor und den Anhänger, beziehungsweise das Gerät zu bekommen. Mit jeder Runde dürfen wir etwas schneller fahren, aber bei 30 km/h ist Schluss – schnell genug, wie alle später noch lernen werden.

Den Sitz und die Spiegel richtig einstellen, Gefahrenbremsung oder bremsen auf nasser Fahrbahn. Das alles lernt man bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC. Wie dieses Training abläuft und warum die Teilnehmer danach anders Traktor fahren, liest Du hier.

Anfangs wird um Pylonen gefahren, um ein Gefühl für den Traktor zu bekommen. Foto: Feuerborn

Das verschwundene Auto

Nach der Aufwärmphase gibt es wieder Theorie: Wir sollen schätzen, wie weit ein Auto hinter einem ist, bevor die Sicht nach hinten durch den Anhänger verdeckt wird und nur die Spiegel genutzt werden können. Unsere Antworten: 20, 30, 40 m.

Alles falsch! Schon 100 m, bevor das Auto den Traktor erreicht, verschwindet es hinter dem Anhänger und aus dem Sichtfeld. Setzt der Autofahrer hinter dem Anhänger zum Überholen an, bleibt nicht mal eine Sekunde, um das Auto im Außenspiegel zu erkennen – eine gefährliche Situation, gerade beim Linksabbiegen auf der Landstraße, wie uns Teilnehmern schlagartig bewusst wird.

Der Tipp vom Fahrlehrer: „Vor dem Abbiegen einen kleinen Schlenker fahren, dann verschiebt sich die Spur vom Anhänger und die Sicht nach hinten wird kurz frei, ordentliche Spiegeleinstellung vorausgesetzt.“ Dass die Blinker funktionieren und sauber sind, versteht sich von selbst.

Kräftig Bremsen

Jetzt geht es an das Bremsen: Zunächst kommt wieder eine Schätzfrage vom Trainer: „Wann steht der Traktor, wenn er 20 km/h schnell fährt.“ Wir laufen mit Pylonen los und markieren die Stelle, wo der Traktor zum Stehen kommen soll. Keiner glaubt, dass der Schlepper schon nach 2,5 m zum Stehen kommt. Allerdings sind es bei 30 km/h schon 4,5 m, also fast eine Verdopplung des Bremswegs. Bei 50 km/h beträgt der Bremsweg schon stolze 12,5 m.

Für den Anhalteweg fehlt jetzt noch der Reaktionsweg, also die Wegstrecke, die während der Schrecksekunde zurückgelegt wird. Bei 30 km/h sind es schon 8 m, bei 50 km/h gar 14 m. Wer mit 50 km/h durch die Stadt fährt, muss mit einem Anhalteweg von 26 m rechnen. Da hat fast keiner, der plötzlich über die Straße rennt, eine Chance.

Zu bedenken ist, dass das Fahrzeug an der Stelle, wo es bei einer Gefahrenbremsung bei 30 km/h Geschwindigkeit schon stehen würde, bei 50 km/h immer noch 50 auf dem Tacho hätte. Der Anhalteweg bei 30 km/h beträgt etwa 12,5 m und allein in der Schrecksekunde legt das Fahrzeug mit 50 km/h schon 14 m Strecke zurück.

Eines wussten wir nach der Gefahrenbremsung auch: Gut, das wir angeschnallt waren, sonst hätten wir unweigerlich an der Frontscheibe geklebt. Was für den Fahrer gilt, gilt natürlich auch für das Handy, die Sprudelflasche oder was man sonst noch so mitnimmt. Handys oder Flaschen werden regelrecht zu Geschossen.

Aber auch mit Gurt wird der Fahrer kräftig durchgeschüttelt. Der Traktor macht nämlich ordentliche Nickbewegungen. Erst meint man, die hinteren Räder heben ab, dann heben die Vorderräder fast ab, bevor man steht. Das ist besonders mit einem Pflug am Heck kritisch.

Nass und rutschig

Noch kritischer wird es, als die Fahrbahn nass ist. Plötzlich ist der Bremsweg etwa fünfmal so lang wie auf trockener Straße. Das alleine wäre ja nicht so dramatisch, aber besonders der Zweiachsanhänger bricht beim Bremsen auf glatter Fahrbahn aus. Die Deichsel knickt ein und der Fahrer muss von der Bremse gehen, dann gegenlenken, um den Zug gerade zu bekommen, und kann erst dann wieder bremsen. Damit wird auch der Anhalteweg deutlich länger.

Bei einer Gefahrenbremsung wird immer gebremst, was das Zeug hält – also, voll reinsteigen in die Bremse. Sofort merkt man, ob der Sitz richtig eingestellt ist oder nicht, denn der Traktor nickt und schaukelt sich auf. Das passiert auf trockener Fahrbahn stärker als auf nasser. Dafür rutscht der Traktor bei Nässe und meist fängt der Anhänger an zu schieben. ¬Gliederzüge sind hier besonders anfällig.

Den Sitz und die Spiegel richtig einstellen, Gefahrenbremsung oder bremsen auf nasser Fahrbahn. Das alles lernt man bei einem Fahrsicherheitstraining des ADAC. Wie dieses Training abläuft und warum die Teilnehmer danach anders Traktor fahren, liest Du hier.

Das Bremsen auf nasser Fahrbahn wird ebenso geübt, wie auf trockener. Foto: Feuerborn

Ab in die Mitte?

Brenzlig wird die Gefahrenbremsung, wenn der Fahrbahnbelag unterschiedlich ist. Das ist beim landwirtschaftlichen Transport ja oft der Fall, denn mit den breiten Anhängern fahren Traktor und Anhänger teilweise schon auf der Bankette. Da das Fahrzeug in der Mitte der Fahrbahn besser bremst als auf dem Rand, weil dort der Belag schlechter ist, zieht das Fahrzeug zur Straßenmitte.

Der Tipp vom Trainer lautet: „Vorausschauend fahren. Kommt ein Lkw oder Bus entgegen, runter vom Gas und Vorsicht walten lassen.“ Wird zu spät gebremst und das Fahrzeug zieht in die Mitte, gerät man schnell auf die Gegenfahrbahn und riskiert einen Unfall.

Wie ein Anfänger kommt man sich vor, wenn auf dem Übungsgelände des ADAC Hindernisse in Form von Wasserfontänen auftauchen: Bremsen, ausweichen, über die Spiegel den Anhänger im Blick behalten, wieder bremsen. Das sind komplexere Abläufe, als ich mir gedacht habe. Nur gut, dass das Hindernis nur eine Wasserwand ist. Spätestens hier ist jeder Teilnehmer bescheiden. Auf Anhieb schafft keiner die Übung und das bei nur 30 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Langsam und doch zu schnell

Das 2 bis 3 km/h Geschwindigkeit über Unfall oder rechtzeitiges Stehen entscheiden, merken wir Teilnehmer auf der Gefällestecke. Hier wird eine vereiste Strecke simuliert. Kommt man mit 12 km/h noch rechtzeitig zu stehen, ist man mit 3 km/h mehr schon 15 m weiter gerutscht. Das Gefühl, über das Ziel hinaus auf das Hindernis zu zufahren, ist merkwürdig. Auch wenn nichts passieren kann, kommt einem die Szene wie in Zeitlupe vor. „Der Traktor muss doch endlich zum Stehen kommen“, denke ich. Aber Fehlanzeige: Er rutscht und rutscht. Und es wird mir nochmal bewusst: nur die paar Stundenkilometer entscheiden über Unfall oder nicht.

Fazit

Nach einem Tag beim Sicherheitstraining fahren alle Teilnehmer anders Traktor. Das fängt bei banalen Dingen wie Sitzeinstellen oder Anschnallen an, geht über die bessere Einstellung der Spiegel bis hin zum Bewusstsein, dass es oft nur ein paar Kilometer ausmachen, ob man rechtzeitig zum Stehen kommt oder nicht. 30 km/h in Ortschaften sind plötzlich schnell genug, da braucht es keine Vorschrift vom Chef. Und bei Glatteis möchte keiner der Teilnehmer mehr auf die Straße, auch wenn jetzt jeder weiß, wie ein Gespann reagiert und was der Fahrer tun kann.

Ein Fahrsicherheitstraining ist eine sinnvolle Investition, die obendrein richtig viel Spaß macht. Wo kann man mit einem Traktor schon mal driften, ohne dass was passiert? Beim Fahrsicherheitstraining des ADAC!

Weitere spannenden Beiträge aus den Bereichen Pflanze, Technik, Politik, Management, Markt und Land und Leben findest Du in der aktuellen Ausgabe der agrarheute.

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