Eine Kiste voller Spargel

Der Albtraum vom Einfliegen der Erntehelfer

Hurra, endlich dürfen Erntehelfer eingeflogen werden! Soweit zur Theorie. Dass es in der Praxis jedoch einige Turbulenzen geben kann, bis die Helfer endlich auf dem Hof sind, musste Christina Anfang der Woche erfahren.

Landwirtstochter Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Landwirtstochter Christina aus Nordrhein-Westfalen.

Hallo ihr fleißigen Hofhelden,

ich bin immer noch erstaunt über Eure Rückmeldung bezüglich meines letzten ausführlichen Beitrags, in dem ich darüber berichtet habe, wie es uns in der derzeitigen Situation als Familienbetrieb (er-)geht. Und genau aus diesem Grund möchte ich Euch auf diesem Weg weiterhin mitnehmen und Euch davon berichten, was es für uns in der Umsetzung heißt, wenn die Bundesregierung beschließt, jeweils 40.000 Saisonkräfte im April und Mai unter hohen Auflagen nach Deutschland einreisen zu lassen.

Aber zurück zu Eurem letzten Stand: Ende März konnten noch zwei unserer Saisonkräfte auf „normalem“ Weg einreisen. Mit ihnen hatten wir insgesamt 5 Saisonkräfte zur Verfügung, die uns aufgrund unserer Betriebsgröße und der Wetterlage vorerst genügen sollten (wer hätte gedacht, dass wir uns mal über kühle Temperaturen, und damit über wenig Spargel und wenig Arbeit freuen würden). Doch es kam wie es kommen musste: Gutes Wetter, warme Temperaturen, mehr Spargel, mehr Arbeit – zu wenig Leute …

Karwoche

Wir sitzen gemeinsam beim Frühstück und beraten, wie wir diese Woche managen können. Allen ist klar: Sie wird anders als die bisherigen Wochen und in jedem Fall anstrengend. Denn der Spargel sprießt und möchte geerntet, sortiert und verkauft werden. Wir müssen also nun schnell handeln, denn der Spargel wächst eben kontinuierlich, sodass kaum Zeit dafür bleibt, die vielen Schüler, Studenten und Kurzarbeiter, die sich unbekannterweise bei uns gemeldet haben, in die Spargelernte einzuweisen.

Versteht mich nicht falsch, wir freuen uns sehr über die Bereitschaft so vieler Menschen – doch Spargel ist empfindlich und ist, auch mit tollen Erklärvideos wie von Bauer Willi, nicht einfach zu ernten. Anders sieht das bei der Erdbeerernte aus, bei der wir sehr viel früher auf die Unterstützung derer zurückkommen werden, die sich tagtäglich bei uns melden, sollte die Situation unverändert bleiben.

Zu diesem Zeitpunkt ist unser Plan folgender: Unsere Jungs ernten morgens den Spargel, gemeinsam mit unserer rumänischen Mitarbeiterin, die eigentlich als Unterstützung für unser Café vorgesehen war, sortiert meine Mutter, während ich das fortwährend klingelnde Telefon bediene und Bestellungen aufnehme.

Gleichzeitig ist uns aber auch klar, dass dies keine Dauerlösung ist, weil der Spargel schneller wächst als wir ihn ernten können. Also müssen wir uns darum kümmern, dass unsere rumänischen Saisonkräfte nach Deutschland kommen können. Gesagt – getan: Mitte der Woche haben wir uns die relevanten Mails zusammen, die wir stündlich von unseren Verbänden erhalten und versuchen daraus, die für uns wichtigen Informationen zu filtern.

Wir fragen bei Eurowings, welche nun Erntehelfer nach Deutschland bringen möchte, zwei Plätze für den Flug Iasi (Rumänien) – Düsseldorf an und erhalten recht schnell ein Angebot für den 13.04.2020 10:50. „WOW – das ging schnell“ denken wir uns und sind positiv überrascht. Wir übermitteln die Namen der beiden Saisonkräfte und warten auf eine Rückmeldung seitens der Fluggesellschaft …

Ostersamstag

Wir erleben in unserem Hofladen einen Wahnsinnstag. Alle Kunden sind super kooperativ und akzeptieren, dass immer nur drei Kunden gleichzeitig unseren Laden betreten dürfen. Glücklicherweise spielt uns auch das Wetter in die Karten, denn draußen in der warmen Frühlingssonne zu warten, macht sicherlich mehr Freude als im strömenden Regen 😉

Familienbetrieb wird gerade bei uns großgeschrieben. So arbeiten meine Mutter, meine Tante und ich gleichzeitig die vielen Bestellungen ab und vergessen dabei kurz, in welcher Ausnahmesituation wir uns gerade eigentlich befinden. Nachdem der Vormittag wie im Flug vergeht, erhalten wir am Nachmittag einen Anruf der Fluggesellschaft. Die beiden Saisonkräfte erhalten einen Platz in dem gewünschten Flugzeug am 13.04.2020, es müssen nur noch einige Formalitäten geklärt werden. Aufatmen – das hat schon einmal geklappt. Umgehend erstellen wir Arbeitsverträge, machen Meldungen bei der Krankenversicherung und geben die Flugdaten im Onlineportal des Bauernverbandes an, damit diese an die Bundespolizei weitergeleitet werden können. Kann es wirklich so einfach sein? Abwarten …

Ostermontag

07:30 Uhr: Auch wenn wir in einer Ausnahmesituation sind, möchten auch wir ein wenig Ostern feiern. So versuchen wir, soweit möglich noch vor dem Öffnen der Hoftore, gemeinsam „in Ruhe“ zu frühstücken. Dass dies derzeit stets auch gleichzeitig ein Meeting für uns ist, ist nichts Neues mehr. Müssen wir uns doch damit beschäftigen, welche Auflagen und Hygienemaßnahmen wir mit der Einreise der Saisonkräfte nun erfüllen müssen. Was müssen wir/die Saisonkräfte beachten? Wie dürfen die Saisonkräfte vom Flughafen zum Betrieb transportiert werden? Dürfen diese gemeinsam mit den bisher auf unserem Betrieb lebenden fünf anderen Männer frühstücken? Fragen über Fragen, die wir glücklicherweise durch die gute und informative Unterstützung seitens unserer Verbände beantworten können.

08:30 Uhr: Um den Tag und damit den Transport genau planen zu können, schauen wir uns noch einmal online an, ob der Flug unserer Saisonkräfte auch pünktlich startet. Doch was ist das? Im Online Check-In ist vermerkt, dass der Flug bereits abgeflogen sei. Eigentlich sind wir 2 Stunden vor Abflug. Verwirrung … Wir rufen die Fluggesellschaft direkt an und bitten bei einer freundlichen Mitarbeiterin um Auskunft. Ihre Antwort: „Ich kann sehen, dass da etwas nicht richtig läuft, aber leider nicht genau, was. Rufen Sie mich doch bitte in einer Stunde noch einmal an. Ich hoffe, dass wir dann mehr wissen.“ Ähm? Okay? Unsere Saisonkräfte fahren ca. 2 Stunden zum Flughafen, sind mit Sicherheit gerade auf dem Weg dorthin, wenn nicht sogar schon vor Ort und die Fluggesellschaft kann uns nicht mitteilen, was mit dem Flug ist? Das kann ja noch lustig werden …

Später am Vormittag: Erneuter Anruf bei der Fluggesellschaft, erneuter Kontakt mit der freundlichen Servicemitarbeiterin: „Es ist tatsächlich leider so, dass der Flug nun auf morgen Abend verschoben worden ist. Den Grund kann ich Ihnen leider nicht nennen. Es wird dann morgen um 18:40 Uhr von Iasi mit einem Zwischenstopp in Karlsruhe nach Düsseldorf geflogen. Machen Sie sich keine Gedanken wegen des Zwischenstopps – unsere Mitarbeiter vor Ort werden dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft.“ Oha okay – Anruf an unseren Vermittler und Information, dass heute nicht geflogen wird, die beiden Saisonkräfte wieder umkehren müssen und morgen Abend erst geflogen wird. Das ist nicht glücklich gelaufen, aber auch kein Beinbruch …

Ostermontagmittag: Um nun auch einen reibungslosen Ablauf bei der Bundespolizei zu ermöglichen, möchten wir die neue Flugnummer den Saisonkräften im Onlineportal zuordnen. Doch es wartet die nächste Überraschung: Es kann keine Änderung an einem bestehenden Vorgang vorgenommen oder ein in Gänze neuer Vorgang angelegt werden, da es nach 12 Uhr und die Einreise auf den darauffolgenden Tag datiert ist. Heißt, laut Onlineportal reisen unsere zwei Saisonkräfte zum jetzigen Stand weiterhin am heutigen Tag ein. Was heißt das nun für unsere Saisonkräfte? Besteht die Gefahr, dass die Bundespolizei diese nicht einreisen oder sie gar in Rumänien schon gar nicht erst ins Flugzeug lässt, da sie nicht die Information der Flugänderung erhalten haben? Wir versuchen unsere Kontakte bei den jeweiligen Verbänden anzuschreiben und nachzufragen. Recht schnell erhalten wir hier eine Rückmeldung, dass die Fluggesellschaft in der Regel die Bundespolzei über Flugänderungen informiert … Alles klar. Aber was heißt heutzutage schon in der Regel? Weiterhin sind wir verunsichert und wie sich herausstellen wird, zurecht …

Dienstag, 14.04.2020

Vormittag ca. 10:00 Uhr: Wir erhalten auf unsere Nachfrage bei den Verbänden eine weitere Rückmeldung, die uns rät, direkt beim Bauernverband anzurufen, um sicher zu gehen. Gesagt, getan: Eine nette Mitarbeiterin gibt uns die Information, dass sie ein paar Tage nicht vor Ort war und nicht weiß, ob es Änderungen in Bezug auf die Flugnummernübermittlung gegeben hat. Zuletzt habe es aber funktioniert, indem Flugänderungen direkt an die Bundespolizei übermittelt worden sind … Okay, dann vertrauen wir ihr. Es wird schon gut gehen, oder?

Nachmittag ca. 16:00 Uhr: Anruf von Herrn Dr. Pauw – Hauptgeschäftsführer des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes. Er habe gerade erst unsere Mail mit der Rückfrage bzgl. der Flugänderung erhalten und wollte sich kurz vergewissern, ob nun alles geklärt sei. Wir berichten von den Informationen, die wir erhalten haben und gaben zu, dass wir weiterhin unsicher seien, da uns keine 100%-ige Garantie vorliege, dass unsere Saisonkräfte einreisen dürfen. Herr Dr. Pauw reagierte prompt und stellte kurzerhand drei verschiedene Anfragen an 1. Eurowings als Fluggesellschaft, 2. den Bauernverband als Übermittler der Onlinedaten an die Bundespolizei und 3. die Bundespolizei direkt. Mit einem „Ich bleibe am Ball und melde mich, sobald ich Antwort habe.“ verbleibt er. Wow, wer hätte gedacht, dass wir so schnell Kontakt zu Herrn Pauw direkt haben werden? Hätten wir uns doch gerne einen anderen Grund dazu gewünscht. Kurze Zeit später die telefonische Rückmeldung von ihm: Grünes Licht, man habe ihm gesagt, es sähe nicht schlecht aus und dass es klappen müsste. Auch wenn das weiterhin keine 100%-ige Garantie ist, sind wir etwas sicherer, unsere Saisonkräfte heute Abend am Düsseldorfer Flughafen in Empfang nehmen zu können …

Abend ca. 18:30 Uhr: Mail von Herrn Dr. Pauw: „Hier die Antwort der Bundespolizei: Die ist leider negativ. Da fehlen mir jetzt auch die Worte!“. Diese hatte nämlich auf Nachfrage von Herrn Dr. Pauw geantwortet, dass unsere beiden Saisonkräfte nicht für den Flug von Iasi – Karlsruhe – Düsseldorf gemeldet worden seien. Und auch auf keinem anderen heute ankommenden Erntehelferflug zu finden seien. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wie soll man da noch mitkommen? Aber hätte uns unser Vermittler nicht schon längst angerufen, wenn die beiden Saisonkräfte nicht um 18:40 Uhr in Iasi in den Flieger gestiegen wären? Wie kommen wir jetzt an die richtige Information? Wer kann uns nun noch helfen?

Ich beiße die Zähne zusammen und rufe persönlich bei der Bundespolizei an. Haben wir doch am vorherigen Tag noch die Bestätigung seitens der Fluggesellschaft erhalten, dass die beiden Saisonkräfte auf der Liste derer stehen, die nach Düsseldorf fliegen werden. Wir sind in ehrlicher Sorge. Schließlich geht es hier um Menschen, die ggf. zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Flugzeug steigen und sich auf den Weg machen, um uns bei der Ernte zu unterstützen. Wahrscheinlich haben sie nur einen kleinen Koffer mit persönlichen Sachen bei sich. Und nur, weil sie nicht auf irgendeiner Liste stehen, dürfen sie den Flughafen in Düsseldorf möglicherweise nicht verlassen? Ein freundlicher Beamter der Bundespolizei bestätigt mir am Telefon aber, dass die beiden Männer auf der Liste des Fluges von gestern und damit AUCH auf der von HEUTE stehen! Mehrfach bitte ich ihn, diese Information zu wiederholen, da ich es nicht begreifen kann. Er merkt meine Unsicherheit und kommentiert diese mit „Wissen Sie, wir sind genauso unsicher wie Sie. Aber wir sitzen im gleichen Boot und rudern in die gleiche Richtung. Ihre Mitarbeiter sitzen im Flieger und sind um 22:06 in Düsseldorf.“ Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich sicher, darauf vertrauen zu können, dass wir unsere Mitarbeiter später wohlbehalten am Flughafen in Empfang nehmen können!

Gleichzeitig erhalten wir von Herrn Dr. Pauw die Rückmeldung, dass auch er gerade von Eurowings die Bestätigung erhalten habe, beide Saisonkräfte seien im Flugzeug und von der Bundespolizei sowie vom Bauernverband bestätigt worden.

Ein großer Dank an alle Helfer

Was für zwei Tage… Es ist mir wichtig zu betonen, dass die Unterstützung durch die Bundesregierung in der Theorie äußerst schnell und effektiv umgesetzt worden ist, die Praxis jedoch eine ganz andere Sache ist. Dass bei uns eine Flugverschiebung Grund für die Unsicherheit war, kann passieren. Jedoch ist es für einen Landwirt alleine kaum zu bewältigen, neben seiner „normalen“ Aufgabe auf dem Feld und in der Vermarktung auch diesen Anforderungen gerecht zu werden. Abgesehen davon, dass mein Vater sich einen Anruf bei der Bundespolizei wahrscheinlich nicht getraut hätte …

Nach dem Hinweis auf die Schwierigkeiten des Verfahrens möchten wir aber auch auf alle Fälle hier noch einmal ein großes Dankeschön an die Bundespolizei, die uns schnell und unbürokratisch Informationen gegeben hat und natürlich auch an die vielen Verbände richten. Diese versorgen uns stets und ständig mit aktuellen Informationen und setzen sich persönlich für uns ein – wie eben Herr Dr. Pauw – DANKE!

Am Abend des 14.04.2020 haben wir dann tatsächlich unsere beiden Mitarbeiter mit zwei Autos (max. 2 Personen in einem Auto) in Düsseldorf abgeholt. Dieses Kapitel ist beendet, aber das nächste wartet schon auf uns, denn ich habe während der Fahrt zum Flughafen die Information erhalten, dass der Flug unserer rumänischen Mitarbeiterin in ihre Heimat am 24.04.2020 gestrichen wurde. Aber auch das werden wir irgendwie hinkriegen…

Bleibt gesund und lasst euch nicht unterkriegen!

Eure Christina

 

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One Comment

  • Philipp

    18. April 2020 at 20:22

    Erinnert mich stark an meine Tortur, die ich durch gemacht habe, bis ich letzten Samstag die Erntehelfer in Düsseldorf abgeholt hatte.
    Ich hoffe dass es für den nächsten Flug entspannter wird.
    Das wird noch ein sehr interessantes Jahr!

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