Ebermast: Immer offen bleiben

Auf dem Hof von Henning Harms im Wendland sind nicht nur die Mastställe offen. Der Landwirt mästet seit einigen Jahren erfolgreich Eber. Darüber hinaus setzt er bei seiner Haltung auf viel Tierwohl und geht auch beim schwierigen Thema Langschwanz voran.

Originalbeitrag von Wiebke Herrmann, agrarheute.

Die Herbstsonne scheint in die Buchten des Maststalls. Ein kühler Wind weht über das Land direkt hinter dem Elbdeich. Den Schweinen im Stall von Henning Harms scheint das zu gefallen. Neugierig recken sich ein paar Köpfe über die Buchtenwände. Im Vorbeigehen streicht Henning Harms einigen Tieren kurz über den Kopf. „An so Tagen wie heute macht die Arbeit bei den Schweinen besonders Spaß“, sagt der Landwirt. „Ich habe immer einen Arbeitsplatz an der frischen Luft.“

2003 baute er das erste Abteil seines Außenklimamaststalls in Damnatz im Wendland. In den folgenden Jahren kamen zwei weitere Mastabteile und zwei Flatdecks hinzu. Jedes Abteil bildet eine Reihe des Außenklimastalls, wobei alle Abteile über eine zentrale Versorgungshalle verbunden sind. Hier sind die Futtersilos und die Fütterungstechnik untergebracht. „Das ist ein ungewöhnliches Stallsystem“, sagt Henning Harms, „aber ich wollte meinen Schweinen so viel Komfort wie möglich bieten.“

Henning Harms bietet seinen Schweinen mit den Offenställen viel Tierwohl. Quelle: Tönnies

Ad libitum füttern

Während der Landwirt zurück zur Zentralhalle geht, rattern die Futterketten im Hintergrund. Henning Harms wirft einen kurzen Blick auf das Display der Fütterung und schaltet sie dann aus. „Wir haben viele Jahre eine Multiphasenfütterung genutzt“, sagt er. Doch im letzten Jahr habe er diese Technik ausgebaut und wieder die herkömmlichen Futterketten installiert. „Wir hatten häufig Probleme mit der Pneumatik, sodass die Fütterung oft ausgefallen ist. Außerdem waren wir bei Störungen des Fütterungscomputers auf einen Servicetechniker angewiesen.“

Eine Reparatur hat immer lange gedauert und Henning Harms musste seine Tiere in dieser Zeit mit der Hand versorgen. „Eine unregelmäßige Fütterung können wir uns aber mit unseren Schweinen nicht leisten. Wir mästen Eber und haben immer wieder Tiergruppen mit Langschwänzen. Da ist eine zuverlässige Ad-libitum-Versorgung besonders wichtig, um Unruhe, Kämpfe und Kannibalismus zu vermeiden“, betont der Landwirt.

Die drei Flatdeckabteile und die drei Mastabteile sind durch eine zentrale Versorgungshalle verbunden. Quelle: Tönnies

Direkter Draht

Seit gut fünf Jahren mästet Henning Harms Eber. „Wir haben eine direkte Beziehung zu unserem Ferkelerzeuger. Er liefert all seine Jungtiere mit im Schnitt etwa 7 bis 8 kg an uns. Das bedeutet, dass wir auch die kleinen Ferkel abnehmen“, sagt der Landwirt. Auch den Transport der Jungtiere organisieren die Landwirte selbstständig. „Wir haben uns vor einigen Jahren dafür einen Transporter gekauft. Damit holen wir regelmäßig Ferkel ab“, sagt Henning Harms.

Gemeinsam mit seinem Ferkelerzeuger entschied sich Henning Harms damals dazu, Eber zu mästen. „Für ihn war das eine gute und wirtschaftliche Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration. Wir haben das damals mitgetragen, weil wir den Tieren in unserem ­Offenstall viel Abwechslung bieten können.“

Henning Harms hält nicht nur engen Kontakt mit seinem Ferkelerzeuger, sondern nutzt auch den gleichen Tierarzt und Berater von der VzF. „Damit stehen wir in Bezug auf die Haltung und die Tiergesundheit im engen Austausch“, erklärt er.

In einem Abteil sind Eber und Sauen getrennt geschlechtlich aufgestallt. „Wir sortieren die Jungtiere beim Einkauf nach Größe und Geschlecht“, sagt Henning Harms. Für besonders kleine Ferkel hat er in der Zentralhalle zwei Flatdeckbuchten eingerichtet. „Diese Buchten können wir besser heizen als die im Offenstall. Damit erleichtern wie den Ferkeln, die die 7 bis 8 kg nicht erreicht haben, den Übergang.“

Dank einer Luke hat Henning Harms auch die Ferkel auf der Liegefläche im Blick. Quelle: Tönnies

Warme Liegekoje

Alle anderen Ferkel werden in die Außenklimabuchten eingestallt. Hier steht den Tieren im hinteren Teil der Bucht eine Liegekoje zur Verfügung. „In diesem Teil der Bucht herrschen konstant 26 °C. Das erreichen wir mit einer Fußbodenheizung, die wir auf 35 °C einstellen“, erklärt Henning Harms. „Den Ferkeln bieten wir in der Liegekoje zusätzlich zur herkömmlichen Fütterung im vorderen Bereich der Bucht Futter an, damit sie lernen, die Liegefläche sauber zu halten.“

Der vordere Bereich ist mit 80 Prozent Kunststoffspalten und 20 Prozent Vollspaltenboden ausgelegt. „Hier haben schon die Ferkel stets einen Außenklimareiz. Mithilfe von temperaturgesteuerten Klappen halten wir diesen Bereich bei 16 °C. Wird es jetzt im Herbst draußen kälter, schließen sich die Klappen dank des Sensors automatisch, sodass der Stall innen nicht zu sehr auskühlt“, sagt der Mäster.

Mit der Ebermast ist Henning Harms zufrieden. „Wir haben damit eine gute ­Alternative für die betäubungslose Ferkelkastration gefunden“, erklärt er. Quelle: Tönnies

Passende Vermarktung

Mit der Entwicklung der Eber ist Henning Harms zufrieden. Die Tiere haben gute Schlachtleistungen und auch im Sozialverhalten sind die Tiere verträglich mit Artgenossen.

In den ersten Jahren hat er die Eber mit gesonderten Futtermischungen versorgt. „Mit der Zeit haben wir aber festgestellt, dass das gar nicht notwendig ist“, sagt der Schweinehalter. „Heute erhalten die Sauen und Eber das gleiche Futter in drei Mastphasen, wobei wir in der Endmast den Gehalt an Rohprotein deutlich reduzieren.“

Mit der Ebermast ist Henning Harms zufrieden. „Wir haben damit eine gute ­Alternative für die betäubungslose Ferkelkastration gefunden“, erklärt er. „Allerdings steht und fällt die Ebermast für mich als Mäster mit der Vermarktung. Wir liefern unsere Tiere an Vion und haben damit einen fairen Partner. Doch der Markt für Eber ist begrenzt.“

Mit der Entwicklung der Eber ist Henning Harms zufrieden. Die Tiere haben gute Schlachtleistungen und ein verträgliches Sozialverhalten. Quelle: Tönnies

Nach Lösungen suchen

Ein schwierigeres Thema ist für Henning Harms dagegen das Kupieren der Schwänze. Als Betrieb der Einstiegsstufe des Tierwohllabels hält er immer wieder Tiergruppen mit Langschwänzen. „Doch das funktioniert auch in unserem Außenklimastall noch nicht zuverlässig“, sagt er.

„Wir haben zusammen mit einemDoktoranden in unserem Stall fast alle Faktoren untersucht. Die Belegdichte wurde verändert und das Futter umgestellt.“ Zudem bietet Henning Harms seinen Tieren ständig Außenklima und ausreichend ­Beschäftigungsmaterial. „Doch nichts half so richtig. Wir haben immer wieder Probleme mit Beißgeschehen in einigen Buchten.“

Ein Lösungsansatz für das erfolgreiche Halten von Tieren mit Langschwanz sei das vollständige Einstreuen der Buchten mit Stroh. „Doch das ist in unserem Stall nicht umsetzbar“, erklärt Henning Harms. „Zudem könnte ein Wechsel zu ursprünglichen Rassen, die eine geringere Schlacht- und Mastleistung haben, Abhilfe schaffen.“

Auch wenn Henning Harms für das erfolgreiche Halten unkupierter Tiere noch keine endgültige Lösung gefunden hat, ist er mit seinem Haltungskonzept zufrieden. „Wir können mit den Offenställen den Schweinen in der konventionellen Mast mehr Tierwohl bieten“, betont er, während er auf die Schweine schaut, die ihm neugierig die Köpfe entgegenrecken.

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