Der Demeterbetrieb Hof Fleckenbühl sieht zwar aus wie ein ganz normaler Bauernhof, dort leben allerdings etwa 110 Suchtkranke Bewohner. Diese wollen in der Selbsthilfeeinrichtung ihre Suchtprobleme hinter sich lassen. Das Hauptziel des Hofes sind dabei nicht besonders hohe Erträge, sondern "nüchterne Tage".

Drogenentzug auf dem Bauernhof

Der Demeterbetrieb Hof Fleckenbühl sieht zwar aus wie ein ganz normaler Bauernhof, dort leben allerdings etwa 110 suchtkranke Bewohner. Diese wollen in der Selbsthilfeeinrichtung ihre Suchtprobleme hinter sich lassen. Das Hauptziel des Hofes sind dabei nicht besonders hohe Erträge, sondern „nüchterne Tage“.

Originalbeitrag von Friederike Krick für agrarheute.

Die Gemeinde Cölbe bei Marburg hat rund 3.700 Einwohner. Etwa 110 wohnen als Lebensgemeinschaft und Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Suchtproblemen auf dem Demeter-betrieb Hof Fleckenbühl. Die meisten von ihnen sind Männer, nahezu jeden Alters. „Wir waren nicht immer willkommen hier“, sagt Johannes Heckmann, der vor fünf Jahren mit einer eigenen Drogenkarriere ins westhessische Bergland gekommen ist. Wie die meisten der Bewohner, hatte er nicht nur mit einer Sucht zu kämpfen. „Polytox heißt das im Fachjargon“, sagt Johannes, „und leider werden die Suchtkranken immer jünger.“

Nicht nur er, sondern auch die Idee der Fleckenbühler stammt aus Berlin. Dort gründete sich eine therapeutische Gemeinschaft, die 1984 von Berlin auf das marode landwirtschaftliche Gut Hof Fleckenbühl umzog. Die Gruppe brachte dort die Landwirtschaft wieder in Schwung, um die Gemeinschaft mit Lebensmitteln versorgen zu können. Bereits zwei Jahre später wurde der Hof als Demeterbetrieb in Umstellung anerkannt. Heute ist er Demonstrationsbetrieb im Bundesprogramm Ökologischer Landbau, und dient der Therapie von Suchtkranken.

Der Demeterbetrieb Hof Fleckenbühl sieht zwar aus wie ein ganz normaler Bauernhof, dort leben allerdings etwa 110 Suchtkranke Bewohner. Diese wollen in der Selbsthilfeeinrichtung ihre Suchtprobleme hinter sich lassen. Das Hauptziel des Hofes sind dabei nicht besonders hohe Erträge, sondern "nüchterne Tage".

Johannes Heckmann ist auf dem Hof für die Öffentlichkeitsarabeit zuständig. Er kam vor fünf Jahren mit Drogenproblemen auf den Hof. Foto: Krick

Am Grundsatzkonzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten nichts geändert. Die Chancen für die persönliche Weiterentwicklung der Bewohner sind heute aber vielfältiger als in der Gründungsphase. „Wer sich entscheidet, ein Fleckenbühler zu werden, kann nicht nur von Drogen wegkommen“, weiß Johannes aus eigener Erfahrung.

Es eröffnen sich komplett neue Lebensentwürfe. Der Betrieb bildet aus, Schulabschlüsse sind möglich und wer will, kann bleiben, solange er mag. „Zwei Jahre empfehlen wir aber als Minimum“, sagt Johannes, der inzwischen für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Er bezeichnet den Ort als „hartes Paradies“ mit harter Arbeit, vielen Regeln und wenig Privatsphäre. Die Natur, die Tiere und die Arbeit mit den Händen sind die Belohnung. Und die Gemeinschaft bietet Stabilität und Struktur, die „draußen“ gefehlt haben.

Alles hinter sich lassen

Der Weg zur Nüchternheit ist hart. „Wer das Aufnahmezimmer betritt und bleiben will, muss alles hinter sich lassen, die Sucht, die Freunde, Bekannte und Familie.“ Johannes weiß, wovon er spricht, denn er hat die Prozedur selbst durchlaufen. „Es gibt drei unumstößliche Regeln: keine Drogen, keine Gewalt, kein Tabak.“ Dazu kommen im ersten halben Jahr ein Handyentzug und eine Kontaktpause nach außen.

Nach der Aufnahme und einer 14-tägigen Orientierungsphase folgt ein dreimonatiges Praktikum. Danach ist ein erster begleiteter Besuch nach „draußen“ möglich. Die neuen Bewohner verrichten helfende Tätigkeiten, nehmen am Zusammenleben teil und entscheiden sich für einen Arbeitsbereich.

Der Demeterbetrieb Hof Fleckenbühl sieht zwar aus wie ein ganz normaler Bauernhof, dort leben allerdings etwa 110 Suchtkranke Bewohner. Diese wollen in der Selbsthilfeeinrichtung ihre Suchtprobleme hinter sich lassen. Das Hauptziel des Hofes sind dabei nicht besonders hohe Erträge, sondern "nüchterne Tage".

David lebt seit sieben Jahren auf dem Hof Fleckenbühl. Foto: Krick

Von rund 400 Kontaktsuchenden jährlich schafft nur die Hälfte das erste halbe Jahr, die anderen scheitern an den strengen Regeln. Die Bewirtschaftung ist dabei nicht das Problem, sondern eher Hilfe, aber der Entzug und die neuen Lebensumstände.

Hof Fleckenbühl wird nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet. Vieles auf dem Betrieb ist Handarbeit. Der Umgang mit teilweise gefährlichen Substanzen wie Pflanzenschutzmittel ist stark reduziert. „Die übersichtliche Struktur mit vielfältigen Aufgabenbereichen erfordert viele helfende Hände,“ sagt Uwe Weimar, Betriebsleiter Feldwirtschaft, Bewohner und ehemaliger Drogenabhängiger. „20 Personen arbeiten fest in der Landwirtschaft. Konventionell bewirtschaftet würden vier Mitarbeiter die Arbeit schaffen“, sagt er, „doch Effizienz ist nicht unser zentrales Thema, auch wenn wir natürlich Ehrgeiz entwickeln und gute Ergebnisse anstreben. Die soziale Landwirtschaft hat aber andere Ziele.“

Der Demeterbetrieb Hof Fleckenbühl sieht zwar aus wie ein ganz normaler Bauernhof, dort leben allerdings etwa 110 Suchtkranke Bewohner. Diese wollen in der Selbsthilfeeinrichtung ihre Suchtprobleme hinter sich lassen. Das Hauptziel des Hofes sind dabei nicht besonders hohe Erträge, sondern "nüchterne Tage".

Uwe Weimar hat seine Drogensucht hinter sich gelassen und ist inzwischen Betriebsleiter Feldwirtschaft. Foto: Krick

Freundschaftliches Miteinander

Die Skepsis der Bevölkerung gegenüber den „Junkies“ und „Hippies aus Berlin“ aus den Anfangstagen ist längst einem freundschaftlichen Miteinander gewichen. Die Küche des Betriebs versorgt Kitas und Schulen in der Umgebung täglich mit 300 frisch zubereiteten Mittagessen. Die Fleckenbühler liefern Bio-Buffets und übernehmen das Catering für Familienfeste, Konzerte oder Sportveranstaltungen. Auch steht der Betrieb für Besucher jederzeit offen. Schulklassen nutzen das Angebot „Bauernhof als Klassenzimmer“. Zudem organisieren die Fleckenbühler Drogenpräventionsveranstaltungen. Die Hofkäserei und das Hofcafé sind gut besucht. Seit Neuestem kann man auf dem Hof auch einen modernen Tagungsraum anmieten.

„Unser Hauptprodukt sind nüchterne Tage“, sagt Uwe Weimar. „Mit den Händen in der Erde wirst du nüchtern – so lautet unser Erfolgsrezept.“ Im Jahr 2018 haben die Fleckenbühler 71.553 nüchterne Tage erwirtschaftet. Das sind 71.553 Tage ohne harte und vermeintlich weiche Drogen, aber auch ohne Alkohol und ohne Zigaretten.

Weitere spannenden Beiträge aus den Bereichen Pflanze, Technik, Politik, Managament, Markt und Land und Leben der Novemberausgabe findest du in der aktuellen Ausgabe der agrarheute.

Cover-agrarheute-Dezember-2019

 

Instagram-LogoFolge uns auch auf Instagram und werde Teil der Hofheld-Community!

Schreibe einen Kommentar