Elisabeth Hartmann mit Fleckviehkuh

Doppelmoral gegen schlechtes Karma

Nachhaltige Landwirtschaft ist der neue Trend alltagsgestresster Großstädter. Landwirtstocher Elisabeth geht das gehörig gegen den Strich. Von glücklichen, konventionellen Kühen und Fairtrade Latte-Macchiato schlürfenden Gutmenschen.

Es ist Ostern, die Fastenzeit geht zu Ende. Viele Menschen nehmen sich vor, 40 Tage Verzicht zu üben. Sei es auf Süßigkeiten, das Smartphone oder Zigaretten, meistens handelt es sich um Luxusgüter, die man eigentlich nicht wirklich braucht, aber schwer vermisst. Ich selbst faste nicht. Ich finde, dass man sich nicht nur zu Ostern Gedanken über den eigenen Lebensstil und seine Einstellung machen sollte. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass eine Einstellung kein Trend ist.

Ich stamme von einem konventionellen Milchviehbetrieb. Viele Außenstehende denken dabei an Massentierhaltung und profitgeile Landwirte, die dort, wo bei anderen das Herz sitzt, einen Geldautomaten haben.

Die Behauptung, Bio-Lebensmittel seien per se gesünder als konventionell erzeugte Nahrungsmittel, ist schlichtweg falsch. Die EU-Vorschriften sind dafür viel zu locker. Maximilian Ledochowski, Ernährungsmediziner

Wir würden gerne jedes Tier nach einem Leben, das es grasend auf einer Weide verbracht hat, friedlich an Altersschwäche sterben lassen. Aber es geht nicht, das können wir uns nicht leisten. Auf Bio umzusteigen haben wir in Betracht gezogen, aber das ist eine Betriebsform, hinter der man voll und ganz stehen muss. Nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Vor- und Nachteile haben wir uns dagegen entschieden.

Bei uns geht es den Kühen sehr gut – oder anders formuliert: Tierschützer würden auf unserem Hof vergeblich nach adäquaten Motiven für die berüchtigten Horrorbilder suchen. Eine konventionelle Haltungsform schließt glückliche Tiere nicht aus. Jede Kuh hat einen Namen und ein paar Jungtiere kommen sogar den Sommer über auf die Weide.

Elisabeth Hartmann mit Fleckviehkuh

Glückliche Tiere sind keine Frage der Betriebsform. Foto: privat

Wenn ein Tier, egal ob leistungsstark oder nicht, krank wird, dann rufen wir den Tierarzt und es wird alles daran gesetzt, das Tier zu retten. Wenn ein Rind am Ende zum Schlachten kommt, dann macht uns das auch keinen Spaß. Aber so funktioniert nun einmal die Landwirtschaft, das ist die Realität. Wahrscheinlich kotzt das System niemanden mehr an, als die Landwirte selbst.

Es muss sich etwas ändern. Genau das wünschen sich auch die meisten Bauern. Lebensmittel sollten wieder geschätzt werden und dafür sollte man ruhig auch mehr bezahlen, damit die Landwirte wieder mehr Qualität statt Quantität produzieren können. Dabei geht es aber darum, dass begriffen wird, was es mit der Landwirtschaft auf sich hat und dass Nachhaltigkeit kein Trend, sondern eine Einstellung ist.

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Zur Verdeutlichung: Ich war am Wochenende auf einem Ostermarkt. Dieser fand auf dem ökologischen Gut Herrmannsdorf bei Glonn statt. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten wurden von Karl-Ludwig Schweisfurth gegründet. Sein Ziel ist die „zeitgemässe Erneuerung einer verloren gegangenen Agrarkultur“.

Herr Schweisfurth hat vor über 30 Jahren noch einmal ganz neu angefangen, nachdem er den Fleischgiganten Herta verkaufte. Für ihn war eines Tages klar, dass er so nicht weitermachen wollte. Er wollte zurück zu den Wurzeln der Landwirtschaft. Der Mensch und ein gerechter Umgang mit der Natur sollten wieder in den Fokus geraten und nicht mehr die Maschine. Diesen Gedanken versucht Herr Schweisfurth mit seiner Stiftung in die Welt zu tragen. Alles in allem ist dies eine edle und (hof-)heldenhafte Mission.

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Regional und saisonal – es müssen nicht immer Bio-Produkte sein. Foto: pixabay

Das Problem ist nur: Derartige Produktionsweisen erfordern einen hohen Arbeitsaufwand und sind dementsprechend  natürlich sehr teuer. Herr Schweisfurth  kann es sich dank des Verkaufs seines Unternehmens leisten, so zu wirtschaften, wie er es tut. Dieses Privileg haben die meisten Landwirte aber nicht, auch wenn sie es sich wünschen würden.

Dass es sich eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen nicht wirklich leisten kann, täglich diese Lebensmittel zu kaufen ist auch klar.  Es muss nicht zwingend Bio sein. Wenn man regional und saisonal einkauft, reicht das vollkommen. Und seien wir mal ehrlich: Bio-Avocados, die einmal um die halbe Welt per Schiff oder Flugzeug transportiert wurden, sind sicher nicht nachhaltiger als heimische Früchte.

Hauptargument für einen SUV: Weil man da höher sitzt. Freilich, das ist auch ein sozialer Aufstieg. Harry G, Kabarettist

Man könnte aber auch sagen: Wem es wirklich etwas wert ist, der verzichtet zugunsten der Lebensmittel auf teure Autos oder Kleidung. Oder man hat Geld, kann sich Schweisfurths Back-to-the-roots-Gedanken leisten und macht daraus einen Trend. Das habe ich auch ganz deutlich bei meinem Ausflug zum Ostermarkt gemerkt. Auf dem Parkplatz stand eine fette Karre neben der anderen. Aston Martin, Porsche, SUV – allesamt unheimlich spritsparend und umweltfreundlich. Nicht!

Auf dem Hof schlenderten die Besucher, begleitet von sanften Jazzklängen, im feinsten Leinenzwirn mit der Gucci auf der Nase und der Louis Vuitton am Arm, vorbei an Ständen und Schweineställen. Es gab über Töpfersachen und dem obligatorischen Filz-Krimskrams bis hin zu erlesenen Lebensmitteln alles, was das Herz alltagsgestresster Großstädter erfreut. Mit einem Gläschen Vino Bianco in der einen und einem Bio-Würstchen in der anderen Hand, erholte man sich auf naturbelassenen Holzgarnituren vom anstrengenden Bio-Shopping-Marathon, bevor es mit dem vollgepackten SUV wieder nach Hause ging. So hatte sich das Herr Schweisfurth sicher nicht vorgestellt.

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Ok, das hört sich jetzt alles vielleicht ein bisschen überzogen an und sicher trifft das nicht auf alle Besucher des Marktes zu. Ich habe absolut nichts gegen schicke Autos und finde es gut, wenn man sich mal etwas gönnt (wir haben übrigens selbst einen SUV – damit werden unter anderem unsere Kühe im Anhänger transportiert 😉 ). Wofür andere ihr Geld ausgeben, ist mir egal.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Menschen alle gut bezahlte Jobs haben. Sonst könnten sie sich diesen Lebensstil nicht leisten. Da heißt es unter der Woche Businessalltag in der City und am Wochenende geht’s dann mit Kind, Kegel und Protzkarre raus auf’s Land. Man läuft an ein paar Schweineställen vorbei und glaubt nun zu wissen, wie die Landwirtschaft aussieht. Was Yoga im Sport ist, ist Fairtrade beim Kaffee – Fairtrade Latte Macchiato gegen schlechtes Karma.

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Hauptsache, es kostet und ist „in“. Foto: pixabay

Ich finde es schlimm, wenn man Nachhaltigkeit als Trend sieht, ohne nachzudenken oder sich mit der Landwirtschaft auseinanderzusetzen. Nicht mal, weil es unbedingt besser schmeckt. Sondern, weil es gerade „in“ ist und weil man es sich leisten kann, mehr für das „Weniger“ zu bezahlen.

Ja, das Essen auf dem Markt war echt lecker. Aber es hätte mir ohne selbgefällige Wochenend-Gutmenschen noch besser geschmeckt. Versteht mich nicht falsch, es ist gut, dass die Verbraucher wieder mehr zu hochwertigen Lebensmitteln greifen. Doch was passiert, wenn das wieder „out“ ist?

 

 

 

7 Comments

    • Elisabeth Hartmann

      19. April 2017 at 12:59

      Lieber Horst, das tut mir sehr leid. Mich würde interessieren, was Dir daran nicht gefallen hat. Gerne darfst Du mir eine Mail schreiben. Über konstruktive Kritik freue ich mich!
      Liebe Grüße

      Elisabeth

      Antworten
  • Michael

    13. April 2017 at 19:39

    Servus
    super, du hast vollkommen recht. Genau das gleiche sage ich auch seid Jahren. Ich wohne in der Nachbarschaft zu Hermansdorf und ich muß immer lachen, wenn ich alle M, STA, ED usw. dort einbiegen sehe. Ich könnte dir von dort Geschichten zu dem sog. „BIO“ sagen, da würde sich so manch hochgestiefelter Kater umdrehen..
    Schöne Grüße
    Michi

    Antworten
  • Michael

    13. April 2017 at 19:48

    Hob i vorhin vergessn, I fahr a an SUV, der sauft aber nur 6 Ltr…….oiso ned olle SUV san gleich. Es gibt gnua kloane schnauferl der mehra durscht habn.

    Antworten
  • Daniela

    13. April 2017 at 22:13

    Deinen Frust an angeblich gut verdienenden Münchnern auszulassen ist nicht wirklich fair und gerechtfertigt.
    Was meinst du, dass sich ein Großstädter denkt, wenn er auf ein Trachtenfest geht wo nur einheimische sind? Auf dem Parkplatz werden kaum weniger SUV stehen, die von Nicht-Landwirten gefahren werden als auf dem Ostermarkt in Herrmannsdorf.
    zur Kleidung: Volltracht mit entsprechendem Schmuck, nicht gerade billig und wenn man ehrlich ist, auch nicht sonderlich oft getragen, ein smartphone hat bestimmt auch ein jeder und der letzte Urlaub war auch weiß Gott wo.
    Das Essen: Ganz traditionell ein halber krosser Grillgockel für 5€ mit Semmel, ich traue mir Wetten mindestens ein Drittel der Besucher nicht darüber nach, ob der Landwirt der das Tier aufgezogen hat fair dafür entlohnt würde, ob seine Düngebilanz gepasst hat, oder ob das Tier aus gewerblicher Tierhaltung kam.
    Das Bier: süffig und natürlich regional aus der Brauerei von nebenan! Doch woher kommt eigentlich der Hopfen, wie viel hat der Bauer dafür bekommen und ist die Hefe eigentlich gentechnisch verändert?
    Ich glaube kaum dass sich die Landbevölkerung mehr Gedanken über Nachhaltigkeit als der Stadt Mensch macht. Hier wird regionalität oft nur sehr oberflächlich gelebt, weil vieles einfach der gute alte Brauch ist.
    Die Avocado ist auch ein abgedroschenes Beispiel, das eher deine Abneigung der Biobranche gegenüber unterstreicht.
    Lebensmittel müssen wieder teurer werden und Bauern müssen anständig verdienen um mit der Natur im Einklang Wirtschaften können, egal ob Bio oder Konventionell. Da bin ich mit dir einer Meinung.
    Aber dazu braucht es auch Gutverdienende Stadtmenschen.

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    • Elisabeth Hartmann

      19. April 2017 at 13:01

      Liebe Daniela,
      ich glaube, Du hast meine Intention nicht ganz verstanden. Der Beitrag ist überzogen geschrieben. Ich selbst möchte keineswegs Nicht-Landwirte anprangern.
      Gerne können wir uns per Mail darüber austauschen, dann verstehen wir uns vielleicht gegenseitig ein bisschen besser. 🙂

      Liebe Grüße

      Elisabeth

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  • Hubert

    14. April 2017 at 22:06

    Herrmannsdorfer als der wahrscheinlich schlechteste Tierhalter Europas ist vielleicht nicht ganz der richtige Vergleich. Aber egal. Jedes Bio ist eine kostspielige Abweichung vom Optimal, dessen Nachteile sowohl ökologisch (Mehrverbrauch an Sprit), als auch von der Tierhaltung her (höhere Ausfälle durch schlechtere Haltung) von den Konsumenten, und auch vom Staat getragen werden müssen.
    http://www.animal-health-online.de/gross/2016/02/09/30722/30722/
    Und selbst wenn die wirtschaftlichen Nachteile ausgeglichen werden, dürften mindestens 90% der Bauern nicht abgebrüht genug sein, das über sich, ihre Tiere und den Boden ergehen zu lassen.

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