Die Milchmacher

Einen Plan haben – für die Zukunft, den Betrieb und alle Arbeits­abläufe – das ist ein wichtiger Bestandteil des Milchhof-Reeßum. Wir durften Betriebsleiter und Herdenmanagern in genau diesen schauen.

Auf jedes einzelne Individuum kommt es an – das gilt auf dem Betrieb von Frank Cordes sowohl für seine Mitarbeiter als auch für seine Herde. Sie alle sind ein Zahnrad im gut organisierten Betrieb im niedersächsischen Reeßum.

Dieser hat sich seit der Betriebsübernahme mit 39 ha Fläche und 24 Kühen in Anbindehaltung im Jahr 1995 stetig weiterentwickelt. Zahnräder, Menschen, Tiere und Technik kamen hinzu und verließen den Betrieb auch wieder – ein stetiger Wandel, der für Beständigkeit sorgte.

Frank Cordes ist die Eigenleistung seiner Mitarbeiter wichtig. Auf der Tafel werden alle Tätigkeiten der Woche organisiert. Quelle: Kühfuss

Die Roboterentscheidung

Frank Cordes baute 1999 gegenüber der alten Hofstelle einen neuen Milchviehstall für 48 Kühe. „Den Tierbestand verdoppeln – die Berater hatten ihre Bedenken“, erklärt er. „Ich machte es trotzdem.“ 2008 folgte ein Anbau inklusive Melkroboter und das Aufstocken der Herde auf 60 Kühe. „Wir wollten mit dem Roboter Arbeitsbelastung reduzieren. Es schien die zeitgemäßeste Lösung zu sein“, so der Milchviehhalter.

Doch dieser Techniktrend hatte auf dem Betrieb Cordes nicht lange Bestand. Nach einem Jahr war klar, dass diese Art des Melkens nicht ihre ist. „Wir sind keine Roboter-Typen“, weiß Frank Cordes nun. „Wir sind damals jedes Mal mit einem schlechten Gefühl aus dem Stall gegangen. Uns fehlte der Blick auf das Tier. Wir standen zudem 24 Stunden unter Strom, ob der Roboter nun anrufen würde und falls ja, ob wir dann auch wirklich Netz hätten“. Der Hersteller und der Landwirt aus Reeßum konnten sich einigen. Sie tauschten den Roboter gegen einen 20er Swing-Over und Hubboden aus und installierten ihn im extra gebauten Melkhaus. Kürzlich wurde die Technik auf ADF (Automatic Dipping and Flushing) umgestellt.

Mit der großen Melktechnik, der Arbeitsbelastung, die für zwei zu viel und für noch einen Mitarbeiter zu wenig waren und dem Plan, den Betrieb auf ein sicheres Fundament zu setzen, entschieden sich Frank und Marina Cordes weiter zu wachsen. Doch die Hausbank zog nicht mit.

Herdenmanager Jan Intemann wirft einen Blick auf die Kühe im Melkstand mit SwingOver Melktechnik. Quelle: Kühfuss

Gemeinsam stark

Die Lösung lag und liegt für sie in der Gemeinschaft. Aus Berufskollegen und Freunden wurden nun Geschäftspartner. Die Familien von Marina und Frank Cordes, Marlies und Hermann Tietjen sowie Medi und Hans Bammann gründeten 2011 die Milchhof Reeßum KG. Dieser Zusammenschluss öffnete neue Türen, auch die zu einer Finanzierung des neuen Stallbauvorhabens.

„Am Esstisch, hier wo wir jetzt sitzen, kamen dann zur Stallplanung Tierarzt, Beratungsring, Futtermittelhändler, Architekt und die KG-Mitglieder zusammen“; so der Milchviehhalter. „Wir planten unseren neuen Stall, diskutierten, verwarfen und waren uns schlussendlich einig.“

Maßstabgebend und gleichzeitig der begrenzende Faktor war die Melktechnik. So entstanden angepasst an das Melkhaus in den Jahren 2012 bis 2014 der Neu- und Anbau für die Kühe und das Jungvieh. Ein zweireihiger Liegeboxenlaufstall mit 500 Tiefboxen, gespiegelt, mit offenem First und durch Curtains regulierbare Seiten.

Der Faktor Tierwohl spiegelt sich auch im Platz wider. Am Fressgitter ist der Laufgang 4,50 m breit. In der zweiten Reihe 3 m. Die Übergänge legten sie mit 4,40 m so breit an, dass eine Kuh am Trog trinken und zwei weitere Kühe sich begegnen können.

Der Blick in den zweireihigen Boxenlaufstall: Viel Platz und Licht waren Frank Cordes beim Bau sehr wichtig. Quelle: Kühfuss

Das passende Umfeld

Auch für die Mitarbeiter soll das Arbeitsumfeld möglichst attraktiv und effektiv sein. Büro, Sozialräume, getrennte Duschen und Toiletten, gestellte Arbeitskleidung inklusive Reinigung, Schränke, Fächer und Möglichkeiten, Jacken und Stiefel zu trocknen findet man im Stallgebäude. Zudem soll die Melktechnik und der dort installierte Hubboden sowie der hydraulisch höhenverstellbare Klauenpflegestand die Arbeit erleichtern.

So arbeiten rund 20 Mitarbeiter im Milchviehbereich. Herdenmanager Jan Intemann, Gesa Lüschen und Thorsten Rosenbrock mit jeweils eigenen Aufgabenbereichen koordinieren sowohl die Herde also auch das Team. Sie teilen sich die Aufgaben in Wochenplänen auf. Klare Zuständigkeiten inklusive der Bereitstellung eines Vertreters sorgen dafür, dass keine Arbeit vergessen wird.

Zudem sind die Aufgaben und der zuständige Herdemanager aufgelistet. Zu den Aufgaben gehören Arbeitsorganisation des Teams, Reproduktion, Tierkontrollen, Klauenpflege, Enthornen der Kälber, Auswertung des Herdenchecks, Auswertung der Futteraufnahmen und Futtermengen pro Woche, sowie die Kontrolle der Siloanschnitte, die Futterbestellungen, die Verwaltung des Spermas und die Bestellungen, die Medikamentenverwaltung und die Dokumentation und das Versenden der Ohrmarkenproben der Kuhvision. Auch die regelmäßige Klauenpflege, das Besamen und Trockenstellen sowie die tägliche Auswertung der Tierdaten aus dem Managementsystem sind fester Bestandteil. Die Arbeiten im Tagesgeschäft werden überwiegend von Mitarbeitern erledigt.

Mensch und Tier soll es in dem Stall guzt gehen – das sieht man. Quelle: Kühfuss

Freiraum lassen

„Uns ist es wichtig, dass sich unsere Mitarbeiter wohlfühlen, ihre Arbeit gerne machen, mit eigener Verantwortung und Entwicklungsmöglichkeiten handeln“, erklärt der Milchviehhalter. „Wir setzen lediglich Leitplanken.“ Als Leitplanke dienen auch die gemeinsam entwickelten SOPs, die Standardvorgehensweisen. Sie hängen laminiert in den Arbeitsbereichen.

Im Kälberdorf findet man zum Beispiel die genauen Arbeitsabläufe zur Kälberversorgung. Welche Arbeiten morgens und abends erledigt werden müssen, wie und welche Mengen getränkt werden, welches Futter sie bekommen und wie die Eimer gereinigt werden sollten. „Hat man das Gefühl, gewisse Arbeiten und Abläufe werden nicht mehr so durchgeführt, wie besprochen, setzt man sich noch mal zusammen und spricht sie mit den Mitarbeitern durch“, erzählt der Landwirt.

Um die Kommunikation über die Schichten hinweg zu vereinfachen klemmen die Mitarbeiter und Herdenmanger Wäscheklammer in unterschiedlichen Farben an die Iglus und notieren Wichtiges an einer Tafel. Eine orange Wäscheklammer bedeutet dann zum Beispiel, dass der nächste Mitarbeiter die Anmerkungen an der Tafel beachten soll. Weiß heißt bitte untersuchen und die Farbfamilie um Gelb/Hellgrün und Grün, dass das Kalb nicht getrunken hat.

Kommunikation ist auch im Kälberstall immer gegeben: SOPs und Tafel helfen dabei. Quelle: Kühfuss

Effektive Technik

Um das Herdenmanagement zu vereinfachen, setzt das Team seit kurzer Zeit auf das Herdenmanagementsystem Smartbow. Mittels Ohrmarke werden Wiederkautätigkeit und Aktivität gemessen. Zudem kann die Kuh einfach im Stall über das Smartphone gefunden werden. „Es ist wirklich einfacher geworden, die Kühe im Blick zu behalten“, erklärt Jan Intemann. „Auch die Brunsten sind viel deutlicher. “

Aber nicht nur die Technik hilft, die Leistungen auf dem Betrieb zu verändern. Auch die Rundgänge mit dem Tierarzt, den Herdenmanagern, den Futtermittelberatern und dem Beratungsunternehmen Alta Genetics helfen, Abläufe im Betrieb zu hinterfragen und sie dann auch zu ändern. Dabei wird alles in Protokollen festgehalten und per E-Mail verschickt oder auch in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe kurz zurückgemeldet.

Gefüttert wird über alle Gruppen hinweg nur eine Ration. Sie vermeiden dadurch Stress und ständige Leistungseinbrüche. Quelle: Kühfuss

Unter anderem solche Änderungen bespricht Frank Cordes mit seinen Mitarbeitern jeden Donnerstag. „Wir treffen große Entscheidungen gemeinsam“, erklärt er. „Das ist mir wichtig. Sie machen sich Gedanken, bringen sich ein, haben Kuhverständnis und stehen täglich an der Kuh.“

Dass dieses System funktioniert, jedes Zahnrad greift und die Tiere sich wohlfühlen, spiegelt sich nicht nur in der Ruhe im Stall, sondern auch in der Milchleistung von rund 12.500 kg pro Kuh und Jahr sowie in den gesunden Tieren wider. „Ich denke, wir können ganz zufrieden sein“, sagt Frank ­Cordes stolz.

 

Weitere spannende Informationen findest Du auf agrarheute.com und in der Juliausgabe von agrarheute.

Cover-agrarheute-Juli-2019

WhatsApp-LogoMelde Dich jetzt für den WhatsApp-Newsletter an und bekomme die aktuellen Beiträge von Hofheld bequem aufs Handy!

Schreibe einen Kommentar