Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Die Kuh-Trainerin

Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Originalbeitrag von Amelie Grabmeier, agrarheute.

Lucy frisst nicht. Teilnahmslos liegt die Kuh im hinteren Teil des Strohstalls. Gestern Mittag hat sie gesunde Zwillinge auf die Welt gebracht. „Eigentlich müsste sie richtig viel Hunger haben“, sagt Landwirtin Christine Löb. Auf ihrem Handy prüft sie die Daten der Wiederkausensoren von SmartBow. Das Ergebnis: Die Kuh hat seit der Kalbung kaum wiedergekaut – nur 200 Minuten.

„Auch das Drenchen mit 40 l Wasser hat nichts gebracht“, sagt die Milchviehhalterin. Also muss eine andere Lösung her. Christine Löb geht in ihr Stallbüro und holt vier Flaschen Bier. Aber nicht irgendeines, sondern ein naturtrübes Hefeweizen von einer lokalen Brauerei aus Unterfranken. Das mögen ihre Kühe am liebsten. Die Landwirtin füllt 2 l Weißbier in eine Plastikflasche um und gibt es ihrer Kuh zum Saufen.

Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Die Familie Löb mit Hunden: Christine (m.) und ihre Eltern Hugo (l.) und Irmgard. Foto: Stolzenwald

„Mit Hefeweizen habe ich meine Kühe schon oft zum Fressen gebracht“, sagt sie. Die 37-jährige ist für ihre unkonventionellen Methoden bekannt. In Reupelsdorf leitet die Landwirtin einen Milchviehbetrieb mit 100 Milchkühen und 80 Stück weiblicher Nachzucht. Die durchschnittliche Milchleistung ihrer Fleckviehherde liegt bei 10.400 kg Milch pro Kuh und Jahr. „Meine Kühe spielen in der Champions League“, umschreibt Christine Löb, was ihre Kühe leisten. „Und ich bin ihre Fußballtrainerin“, sagt sie. Wie im Leistungssport setzt die Landwirtin alles daran, ihr Team fit zu halten. Denn eine hohe Milchleistung ist nur mit gesunden Kühen möglich.

Das beginnt schon, bevor sie als Kälber auf die Welt kommen. Die Tiergesundheit fängt bei ihr im Trockensteherstall an. „Die Trockensteher sind meine Queens und haben einen Wellness-Stall verdient“, sagt sie. Die hochtragenden Kühe, die sie ab dem 235. Laktationstag abrupt trockenstellt, stehen in einem separaten Stall auf Tiefstreu. Der 30 x 10 m lange Stall ist nach vorne hin offen, so dass ihre Kühe viel Luft und Licht bekommen. Zwei Ventilatoren sorgen für einen steten Luftaustausch im Stall – als Schutz vor Hitzestress.

Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Christine Löb sprüht einer Kuh Globuli, aufgelöst in Wasser und griechischem Ouzo, auf die Nase. Foto: Stolzenwald

Essig gegen Rangkämpfe

Die gute Belüftung ist nicht das einzige Merkmal: Der Trockensteher-Stall ist in vier Abteile aufgeteilt. In jedem Abteil sind mindesten zwei Kühe untergebracht. „Dann fühlen sie sich nicht so einsam und von der Herde abgeschnitten“, sagt Christine Löb. Die Landwirtin achtet darauf, nur Tiere mit ähnlichem Rang in ein Abteil zu stallen. Doch das klappt nicht immer. „Trifft eine junge Kuh, die in der Rangordnung ganz niedrig ist, auf ein Monster, also eine ranghohe Kuh, dann kann es schon mal krachen.“ Aber Christine Löb weiß sich zu helfen – mit Essig.

„Einen stinknormalen Essig mögen Kühe überhaupt nicht“, sagt Christine Löb. Wenn eine Kuh eine andere drangsaliert, dann gießt sie der rangniedrigeren Kuh zwei Tassen Essig über den Rücken. „Der Geruch ist für Kühe so abstoßend, dass sie die rangniedrigere Kuh in Ruhe lassen.“ Neben der Haltung spielt auch die Fütterung eine wichtige Rolle, um die Trockensteher fit zu halten. Dazu verdünnt sie die Ration der laktierenden Kühe mit 4 bis 5 kg Stroh pro Kuh und Tag. Der Vorteil: „Die Trockensteher müssen sich nicht an eine neue Ration gewöhnen.“ Die Ration besteht aus Maissilage, Grassilage, Luzernenheu, Stroh, Biertreber, Rapsschrot, Sojaschrot, Mineralfutter, Zuckerrübenschnitzel, geschützter Harnstoff, Maiskleberfutter und Getreide- und Körnermais.

Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Wenn eine Kuh zu wenig frisst, kriegt sie Bier von Christine Löb. Aber nur naturtrübes Hefeweizen. Foto: Stolzenwald

Um ihre Trockensteher vor Krankheiten zu schützen, setzt Christine Löb auf Homöopathie. Hat eine Kuh etwa ein hartes Euterviertel, sprüht sie ihr Globuli, aufgelöst in Wasser und griechischem Ouzo, auf die Nase. Der Ouzo macht die homöopathischen Mittel haltbar. „Aber auch die Homöopathie hat ihre Grenzen“, sagt sie. Ist eine Kuh ernsthaft krank, greift sie auf die konventionelle Medizin zurück.

Um den Antibiotikaverbrauch so gering wie möglich zu halten, stellt die Landwirtin ihre Milchkühe selektiv trocken. Das funktioniert so gut, dass sie nur 15 Prozent ihrer Kühe antibiotisch trockenstellen muss. „Aber den internen Zitzenversiegler Orbeseal bekommen sie alle“, sagt sie. Lässt eine Kuh trotzdem die Milch laufen, dann sieht sie das sofort. „Ich renne am Tag ja mindestens 20-mal am Trockensteherstall vorbei.“ Eigentlich perfekt. Doch trotz des hohen Kuhkomforts gab es ein Problem.

Christine Löb ist die Chefin im Stall, 100 Milchkühe hören auf ihr Kommando. Für die Fitness ihrer Trockensteher hat sie sogar Bier, Ouzo und flüssige saure Salze in der Trickkiste.

Christine Löb mit ihren Kühen. Foto: Stolzenwald

Zu viel Kalium in der Grassilage

„Ich habe immer mindestens eine Woche gebraucht, bis ich die frisch abgekalbten Tiere wieder zurück in die Herde bringen konnte“, sagt sie. Subklinische Hypocalcämie, Phosphormangel oder Probleme im Leberstoffwechsel führten dazu, dass viele Tiere nur langsam in Schwung kamen. Die sehr kaliumreichen Grassilagen machten es unmöglich, die Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB-Wert) der Trockensteherration auszugleichen. Das Problem: Kalium hemmt die Mobilisation von Calcium. „Kühe mit Calciummangel fressen schlecht und eine Abwärtsspirale aus Energiemangel, Ketose und Milchfieber beginnt.“

Das konnte so nicht weitergehen. Die Landwirtin probierte viel aus. „Aber egal, was ich den Kühen gab, sie haben es nicht gefressen.“ Erst ein Tipp vom Tierarzt brachte die Lösung. Er empfahl flüssige saure Salze auf Zuckerbasis. Seit Dezember 2019 setzt Löb das neue Produkt ein. „Ich brauche rund 1,8 kg von dem flüssigen Ansäuerungsmittel pro Kuh und Tag.“ Mit Kraftfutter und Stroh mischt sie daraus eine Stroh-TMR und vermengt es mit der Kuh-Ration.

„Das kriegen meine Kühe in den letzten drei Wochen vor der Kalbung, jeden Tag einmal.“ Eine wichtige Maßnahme, die begleitend zur Fütterung des flüssigen Ansäuerungsmittels erfolgen muss, ist das regelmäßige Messen des Harn-pH-Werts. „Liegt der pH-Wert bei 5,5 bis 6 ist alles im grünen Bereich“, sagt sie. Seit sie ihre Trockensteher ansäuert, haben zwölf Kühe abgekalbt. Nur ein Tier musste sie behandeln. Das ist genau das, was Christine Löb will: gesunde Kühe. Auch Lucy geht es besser. Das Bier scheint geholfen zu haben. Die Kuh steht im Trockensteherstall und frisst. „Fantastisch“, freut sich die Landwirtin.

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