Die Heuchelei vom Höfesterben

Die Heuchelei vom Höfesterben

Einerseits wird von Politik und Medien das Höfesterben beklagt. Andererseits wird eine Agrarpolitik unterstützt, die kleinere Betriebe zum aufhören zwingt. Das hat einen Strukturbruch zur Folge.

Originalbeitrag von Olaf Zinke, agrarheute.

Jedes Jahr machen in Deutschland mehrere Tausend Bauernhöfe die Tore dicht. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Höfe halbiert. Von den noch verbliebenen Betrieben wirtschaftet die Hälfte im Nebenerwerb, weil das Einkommen aus der Agrarproduktion nicht mehr ausreicht.

Erklärungen für diese Entwicklung gibt es viele: Auf der einen Seite zwingen schrumpfende Einkommen und steigende Kosten die Bauern zum Ausstieg. Auf der anderen Seite befördern Politik und Gesellschaft mit immer neuen Auflagen das Höfesterben – obwohl sie immer wieder das Gegenteil behaupten. Das zieht ein weiteres Problem nach sich: Wegen der sich rasant verschlechternden Aussichten finden immer weniger Bauern einen Hofnachfolger.

Eine Gruppe ist ganz besonders betroffen: Das sind die kleinen Bauernhöfe und die Nebenerwerbsbetriebe. Ihnen fehlt einfach das Geld, um in neue Maschinen, Ställe oder Technologien zu investieren. Das Verrückte ist: Fast alle Umfragen zeigen, die deutsche Bevölkerung wünscht sich eine bäuerlich strukturierte Landwirtschaft. Gleichzeitig unterstützt die Mehrheit der Politiker und Verbraucher aber eine Agrarpolitik, die genau das Gegenteil bewirkt.

Einerseits wird von Politik und Medien das Höfesterben beklagt. Andererseits wird eine Agrarpolitik unterstützt, die kleinere Betriebe zum aufhören zwingt. Das hat einen Strukturbruch zur Folge.

Schrumpfende Einkommen und steigende Kosten zwingen zum Ausstieg. Foto: privat

Politik erzwingt Strukturbruch

In den letzten Monaten haben die Auflagen und Forderungen an die deutschen Bauern einen neuen Höhepunkt erreicht. Beispiele sind die neue Düngeverordnung, das Klimapaket, die Kürzung der Direktzahlungen, das Glyphosatverbot ab 2023, höhere Auflagen beim Tierwohl und beim Insektenschutz und einiges mehr. Diese Maßnahmen treffen zwar alle Landwirte – aber eben besonders heftig die kleinen Bauernhöfe.

Allein die neue Düngeverordnung werde „tausenden Betrieben die wirtschaftliche Basis entziehen“, sagt der niedersächsische Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke. Mit Gewalt werde „ein Strukturbruch“ erzeugt, der die kleinen Bauern zum Aufhören zwinge, „weil sie bei gleichbleibenden Investitionen nicht mehr denselben Ertrag erwirtschaften können“, ergänzt Volker Hahn, Landwirt und Vorsitzender des Landvolks Hannover.

Bei den Bauern regt sich Protest. Viele Landwirte haben versucht, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie den grünen Kreuzen auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Stiller Protest reicht aber vielen nicht mehr. Mitte Oktober gingen die deutschen Bauern auf die Barrikaden mit großen Demonstrationen und Treckerkonvoi.

Einerseits wird von Politik und Medien das Höfesterben beklagt. Andererseits wird eine Agrarpolitik unterstützt, die kleinere Betriebe zum aufhören zwingt. Das hat einen Strukturbruch zur Folge.

Das Höfesterben beschleunigt sich. Foto: privat

Wachsen oder weichen

Das Höfesterben dürfte sich – allen Sonntagsreden der Politik zum Trotz – aber beschleunigen. Desto seltsamer mutet es an, wenn Agrarpolitiker wie Friedrich Osten-
dorff von den Grünen, denen das beschlossene Klimapaket und andere Maßnahmen nicht weit genug gehen, behaupten:

„Die Situation ist dramatisch. Wir müssen jetzt alle Register ziehen, um unsere bäuerlichen Strukturen und die bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten.“

Ihm geht es dabei aber nicht unbedingt um die kleinen Höfe, sondern eher um die Umverteilung der Mittel in die ökologische Landwirtschaft.

Der Agrarökonom Sebastian Rahbauer von der Technischen Universität München kennt die Probleme der Bauern gut. Sein Vater hat einen Hof in der Nähe von Landshut. Wenn das Höfesterben so weiter geht, sagt Rahbauer, wird das auch Auswirkungen auf die Verbraucher haben.

„Es ist ja heute schon so, dass ein Großteil der Produkte, die sie im Supermarkt kaufen, nicht mehr aus Deutschland kommt, sondern Importware ist“, sagt der Agrarökonom. „Mit diesen Importen geben wir die Kontrolle darüber ab, wie die Nahrungsmittel produziert werden.“

Der massive wirtschaftliche Druck hat ein Ergebnis: Die Betriebe müssen immer größer werden, um ökonomisch überhaupt überleben zu können.

Einerseits wird von Politik und Medien das Höfesterben beklagt. Andererseits wird eine Agrarpolitik unterstützt, die kleinere Betriebe zum aufhören zwingt. Das hat einen Strukturbruch zur Folge.

Besonders viele Tierhalter geben ihre Höfe auf. Foto: privat

Zahlen sagen mehr als Worte

Besonders dramatisch ist das Höfesterben bei den Tierhaltern. Gerade in diesem Bereich wirtschaften sehr viele kleine Betriebe. Gleichzeitig stammen fast zwei Drittel des gesamten landwirtschaftlichen Einkommens in Deutschland aus den Erlösen der Tierhaltung. Aber Zahlen sagen manchmal mehr als Worte: So ist die Zahl der Betriebe mit Rindern von 2005 bis 2018 um knapp ein Viertel geschrumpft. Die Betriebe mit Milchkühen nahmen um mehr als 40 Prozent ab. Bei den Schweinehaltern hat sich die Anzahl der Betriebe um 75 Prozent verringert.

Die letzte Betriebszählung aus dem Jahr 2016 meldet für Deutschland noch 275.000 Landwirtschaftsbetriebe. Und es kommt noch schlimmer: Laut einer Studie der DZ Bank könnten im Jahr 2040 in Deutschland bloß noch 100.000 Höfe existieren. Das wäre ein weiterer Rückgang um zwei Drittel. Politik und Gesellschaft tun derzeit jedenfalls alles dafür, dass es auch so kommt – auch wenn sie das Gegenteil behaupten.

Eine einfache Lösung für das Dilemma gibt es nicht. Ein erster Schritt wäre aber mehr Ehrlichkeit. Soll heißen: Die Politik dürfte keine Nebelkerzen mehr schmeißen. Vielmehr müsste man anhand der konkreten Zahlen sagen, was die Folgen der Agrar- und Umweltpolitik sind und ob die Gesellschaft diesen Preis zahlen möchte. Aber das wird wohl nicht passieren.

Weitere spannenden Beiträge aus den Bereichen Pflanze, Technik, Politik, Managament, Markt und Land und Leben der Novemberausgabe findest du in der akuellen Ausgabe der agrarheute.

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