Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Depression: Wenn die Leidenschaft zur Last wird

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Originalbeitrag von Dagmar Deutsch, agrarheute

„Angstattacken, bei denen man nur noch ein Rauschen in den Ohren hat. Ein Gefühl des ständigen Kämpfens. Ales ballt sich in dir drin. Und irgendwann ist man so verzweifelt, dass man denkt, es geht hier nicht mehr weiter im Leben.“ So beschreibt Christoph Rothhaupt das Gefühl, das er damals hatte. Damals, bei seiner Depression. Damals, als ihm nach dem Tod seines Vaters die Leidenschaft für den Betrieb zum Verhängnis wurde.

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Christoph ist der Druck, den er sich selbst gemacht hat, über den Kopf gewachsen. Foto: Philipp von Rössing

„Nachdem mein Vater 2014 gestorben ist, war ich auf einmal der Herr im Haus. Ich war verantwortlich für die Familie, den Betrieb, einfach für alles“, erinnert sich der 37-Jährige. Schwäche zeigen kam für ihn nicht in Frage. Er musste stark sein für seine Frau und seine Mutter. Und er wollte dem Erbe seines Vaters gerecht werden und den Milchviehbetrieb erfolgreich weiterführen. Also hat er einfach nahtlos weitergemacht, ohne sich die Zeit zu geben, den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Und es hat funktioniert. Erstmal.

Der Druck wurde zu groß

Die Herdenleistung stieg und der Betrieb wurde zum Vorzeigemodell für Betriebsberater. „Ich wurde besser und das hat mich motiviert. Im Prinzip lief alles bestens“, sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf. „Doch ab einem gewissen Punkt konnte ich die Milchleistung nicht weiter verbessern. Also habe ich versucht, andere Bereiche zu perfektionieren.“ Abends blieb er immer länger im Stall, um Listen zu erstellen, die Arbeitsabläufe und Co. verbessern sollten. Seinen Tag taktete er minütlich durch. Und wenn ihn nachts der Roboter mit einem Problem in den Stall rief, erledigte der Landwirt gleich noch ein paar andere Arbeiten – er war ja eh schon da.

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Die Milchviehhaltung aufzugeben war die schwerste Entscheidung seines Lebens, sagt Christoph. Foto: Philipp von Rössing

Er hat sich selbst immer mehr unter Druck gesetzt, um noch besser zu werden. Er wollte seinen Vater unbedingt stolz machen. Sein Selbstwertgefühl blieb dabei auf der Strecke. „Irgendwann habe ich mich nur noch gut gefühlt, wenn ich etwas gut gemacht habe“, versucht er, die Situation von damals zu beschreiben und starrt mit leerem Blick auf den Boden. Kleinigkeiten, wie eine Kuh mit leicht erhöhten Zellzahlen, wurden für ihn zum riesigen Problem. „In meinen Gedankenkreisen habe ich mir dann die schlimmsten Szenarien zusammengesponnen. So weit, bis diese Kleinigkeit in meinem Kopf existenzbedrohend war.“

Umfeld merkte Symptome der Depression

So wurde seine Leidenschaft zur Last. Er hatte kein Ziel mehr, sagt er. Morgens ist Christoph aufgestanden, um einfach nur zu erledigen, was erledigt werden musste. Ob Boxen einstreuen oder den Acker bewirtschaften: Er musste sich zu allem zwingen. „Ich habe einen Kampf mit mir selbst geführt und der hat mir alles abverlangt.“ Von den meisten Freunden grenzte er sich ab, die Familie grenzte er aus. Das weiß er heute, doch damals sah er das ganz anders. „Um sie zu schützen, habe ich mir eine Maske aufgesetzt und allen so gut es ging die heile Welt vorgespielt. Ich wollte vor allem meine Frau nicht belasten.“ Zwei Jahre lang hielt er die Maskerade aufrecht. Zwei Jahre, die ihn veränderten. „Für mich ging es nur noch um mich. Ich bin eiskalt geworden und musste auch erst wieder lernen, Gefühle zuzulassen. Es ist zum Beispiel immer noch ein absolutes No-Go, wenn mich jemand umarmen will. Früher war das kein Problem für mich.“

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Heute stehen im Stall ein paar Rinder eines anderen Landwirts zur Aufzucht. Foto: Philipp von Rössing

Obwohl er versuchte, seine Probleme zu verstecken, merkte sein Umfeld, dass er krank war. „Wenn mir das damals jemand gesagt hätte, hätte ich gesagt: verpiss dich. Ich wäre richtig böse geworden.“ Seine Frau hat dennoch versucht, mit ihm darüber zu reden und gab ihn nicht auf. Eines Tages hat sie ihrem Mann eine Visitenkarte der nächstgelegenen ländlichen Familienberatung hingelegt. „Und da ist sie dann auch lange gelegen. Ich habe für mich keinen Sinn darin gesehen, dort anzurufen. Doch meine Frau hat geahnt, dass ich unter Depressionen leide und ich rate allen, die in der gleichen Situation stecken: redet mit eurem Partner.“ Er schluckt und atmet tief durch: „Sie wollen helfen und müssen zusehen, wie man langsam stirbt.“

Gefährliche Wellenbewegungen des Gemüts

Der 37-Jährige habe damals zwar schon gemerkt, dass er in einer Abwärtsspirale stecke, doch Betroffene müssten erstmal einen Zusammenbruch durchleben, um ihre Krankheit zu akzeptieren. „Das Gefährliche sind die Wellenbewegungen: mal geht’s einem gut, mal schlecht. Wenn der Zusammenbruch nicht kommt, akzeptiert man die Depression nicht.“ Doch genau dieser Tiefpunkt ist eine fünfzig-fünfzig-Chance, bei der man sich entscheiden muss: aufgeben oder weitermachen.

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Ganz ohne eigene Kühe geht es dann doch nicht: auf der Weide stehen ein paar Mutterkühe. Foto: Philipp von Rössing

Am Tag seines Zusammenbruchs im August 2018 hat sich Christoph fürs Weitermachen entschieden. „Damals lief einfach alles schief. Der Morgen war schon Mist und dann wurde im Stall auch noch ein Tier krank. Das war das i-Tüpfelchen und ich hatte dann so die Schnauze voll von allem, dass ich richtig Angst vor mir selbst bekommen habe.“ Er ist so schnell er konnte nach Hause gefahren, zu der Visitenkarte hingerannt, die da schon so lange lag, hat sich ins Schlafzimmer verkrochen – schließlich sollte niemand mitbekommen, dass er vermeintlich schwach wird – und hat bei der Familienberatung angerufen. „Ich habe nur gesagt: ihr müsst mir jetzt helfen, ich kann nicht mehr.“ Gleich am nächsten Tag hat er einen Termin zum persönlichen Gespräch bekommen. Zu seiner Beraterin fasste er sofort Vertrauen und nach all den Jahren hat er endlich angefangen, über seinen Kampf zu reden. „Ich habe ihr mein Herz ausgeschüttet und danach habe ich mich sofort besser gefühlt. Ich habe richtig gemerkt, wie eine Last von mir abgefallen ist.“

Der Weg aus der Depression

Die Beraterin erkannte den Kern von Christophs Depression sofort. Bereits im ersten Gespräch fragte sie ihn, ob es denn auch ohne Kühe gehe. Denn in sie hat der Landwirt am meisten Kraft gesteckt – und sie haben ihm auch am meisten Kraft gekostet. Er ließ die Idee sacken und begann schließlich, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Mit der Hilfe diverser Berater stellte er ein neues Betriebskonzept zusammen und als dieses im Winter 2018 stand, kam der Tag, an dem er sich entscheiden musste: „Machen wir’s oder machen wir’s nicht? Zwischenzeitlich hatte ich auch noch einen Rückfall, bei dem ich gesagt habe: scheiß drauf, geht schon irgendwie so weiter.“ Doch auch hier kam wieder die Welle nach unten und Christoph hat letztendlich erkannt, dass er mit der Milchviehhaltung nicht mehr weitermachen kann. „Das war die härteste Entscheidung meines Lebens. Als die Kühe vom Hof gingen, das hat mich innerlich zerrissen.“ Und die Gedanken fingen wieder an zu kreisen: „Alles, was mein Vater aufgebaut hatte, habe ich kaputt gemacht.“

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Indem er seine Geschichte offen erzählt, will Christoph anderen Betroffenen Mut machen. Foto: Philipp von Rössing

Er hat etwa eine Woche gebraucht, bis er mit der Situation umgehen konnte. Dann hat er angefangen, den Stall zu waschen und hat damit auch den Dreck seiner Vergangenheit abgespült. Er hat sich erholt, neuen Mut gefasst und fing an, das neue Betriebskonzept umzusetzen. Das war für ihn ein Teil des Heilungsprozesses. „Ich hatte wieder ein Ziel, auf das ich hingearbeitet habe.“ Das hat ihn beflügelt und ihm neue Energie gegeben. Und dann kam der Tag – ein paar Wochen, nachdem die Tiere weg waren – als er auf seinem Hof eine Maschine an den Traktor angehängt und dabei gepfiffen hat. „Ich hatte meine Lieblingsmusik auf den Ohren und hab so richtig mitgeträllert. Der Nachbar hat den Kopf über die Hecke gestreckt und gefragt, was denn mit mir los sei. Und ich habe gesagt: ich bin einfach gut drauf. Und endlich konnte ich mir wieder selbst sagen, dass es schön ist, hier zu sein.“

Motivation für andere Betroffene

Seine neu gewonnene Lebensfreude möchte er nutzen, um der Krankheit die Aufmerksamkeit zu geben, die sie braucht. „Depression geht durch die vielen Kämpfe mit sich selbst bei vielen Leuten tödlich aus. Warum soll man da nicht drüber sprechen?“ Daher fasste er den Mut, seine Geschichte öffentlich zu erzählen, als ein Fernsehsender einen Protagonisten für eine Dokumentation zum Thema Depressionen in der Landwirtschaft gesucht hat. „Vorher wusste niemand außer der Familie und den engen Freunden Bescheid und da habe ich dann die Hosen runtergelassen. Das war das Beste, was ich machen konnte.“ Die Resonanz, die er auf den Fernsehbeitrag bekam, war enorm. Zahlreiche Betroffene dankten ihm noch am Abend der Ausstrahlung über facebook dafür, dass er so offen über seine Depression spricht. Beim Spazierengehen rufen ihm Fremde „Respekt!“ zu. „Ich habe die dunkle Seite gesehen und die hat mich verändert. Ich will meine Geschichte erzählen und anderen damit Mut machen. Und jedes Mal, wenn ich sie erzähle, geht es mir selbst ein bisschen besser.“ Bei Redebedarf dürften sich Betroffene jederzeit bei ihm melden, denn ihm ist wichtig, dass eine familienbetriebene Landwirtschaft auch künftig noch möglich ist; trotz zunehmenden Auflagen und ohne, dass den Landwirtinnen und Landwirten die Arbeit über den Kopf wächst.

Als sein Vater starb, setzte sich Junglandwirt Christoph so sehr unter Druck, dass die Arbeit auf dem Hof für ihn zur Last wurde und er in eine Depression verfiel. Mit etwas Hilfe hat er jedoch einen Weg für sich gefunden und möchte heute anderen Betroffenen Mut machen.

Heute blickt Christoph zuversichtlich in die Zukunft und hat wieder Spaß an der Arbeit auf dem Betrieb. Foto: Philipp von Rössing

Heute – gut 1,5 Jahre, nachdem die Milchviehherde den Stall verließ – bewirtschaftet Christoph seine Flächen im Nebenerwerb und arbeitet halbtags im Außendienst für einen Agrarhändler. So kann er seine Kompetenzen in der Rinderhaltung weiterhin nutzen und andere Betriebe mit seinem Wissen unterstützen – seine Depression hat ihn schließlich nicht zu einem schlechten Landwirt gemacht. Ganz ohne eigene Kühe geht es für ihn aber dann doch nicht. Auf der Weide stehen seine zwei Mutterkühe mit ihren Kälbern. Künftig möchte er das Grüppchen auf sechs bis sieben Tiere erweitern und eventuell in die Direktvermarktung einsteigen. „Die Arbeit auf dem Hof erfüllt mich und das Neue macht mir Spaß. Ich bin heute gern hier und bin einfach zufrieden mit dem, was ich habe.“

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