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Sind Bauernkinder die neuen Turnbeutelvergesser?

Hofheld-Bloggerin Julia alias Deichdeern kommt es so vor, als hätte sich ihr Facebook-Newsfeed-Algorithmus in der vergangenen Woche leidenschaftlich mit dem Thema „Mobbing von Bauernkindern“ beschäftigt. Wie dem auch sei. Es wurde schon vieles zu dem Thema gesagt, aber noch nicht von jedem. Es folgt also auch ihr literarischer Senf.

Julia Nissen alias Deichdeern bloggt aus dem hohen Norden für uns.

Julia Nissen alias Deichdeern bloggt aus dem hohen Norden für uns.

Meine Schulzeit war schön. Ok, zugegeben: Ich war in den Pausen besser als im Unterricht, aber deshalb mache ich heute auch beruflich was mit Kommunikation. Ich konnte mit jedem: den Computerfreaks, den Sportlern, den Barbies, den Rauchern, den Sportlern, den Metalfans und ja, auch mit den besonderen Menschen. Die, die irgendwie anders waren: Die Stinker, die Cowboystiefelträger und die, die nach der 8ten Stunde ein Eierbrötchen im Bus aus dem Ranzen zogen.

Und was ist jetzt mit den Bauernkindern? Gute Frage, die sind oben bei den Sportlern und den Metalfans einzusortieren. Sie fielen nie auf, bis auf den einen Tag im Jahr: Der Wandertag. Man möge sich eine düstere, musikalische Untermalung bei dem Wort „Wandertag“ (döööödööööödöööö) vorstellen, denn unsere Lehrer hatten nie Bock auf diesen Tag.

Dun-dun-dun

Also kam es, wie es kommen musste: Ein Freiwilliger musste her, bei dem wir diesen Tag zelebrieren konnten bzw. dessen Muddi dann die komplette Orga übernahm und die Lehrkraft aus dem Schlawittchen war.

Zu 95 % fand dieser Tag also immer auf dem Bauernhof eines Mitschülers statt, denn für die Bauernkinder war es nie schlimm den Hof voller Menschen zu haben. Es waren stets tolle Tage mit reichlich Action und noch reichlicher was für die Figur. Dass wir abends nach so einem Tag nach Bauernhof rochen, haben wir nicht gemerkt, sondern die, die uns abholten.

Ich konnte es mir also beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Wahrnehmung der Bauernkinder sich so geändert hatte und musste recherchieren. Auf der Facebookseite meines Blogs Deichdeern rief ich „meine Muddihausen-Community“ dazu auf, mir ihre Erfahrungen mitzuteilen.

Hier ein paar Auszüge der vielen Nachrichten, die mich erreichten:

„Hallo Julia, meine vier Kinder haben keine guten Erfahrungen damit gemacht, in der Schule bekannt zu geben, dass die Eltern Landwirte sind. In der Grundschule war das noch cool, denn die ganze Klasse durfte auf unseren Bauernhof kommen. Dann gab es natürlich kostenlos Frühstück, Spiele, Tiere zum Kuscheln und jede Menge Informationen. Die Kinder waren begeistert. Doch danach, auf den weiterführenden Schulen, haben sich meine Kinder nicht mehr getraut, zu sagen, dass die Eltern Landwirte sind. Sie wurden aufs Übelste gemobbt und gehänselt. Gerade gestern hat mein Sohn im Religionsunterricht ein Referat über Massentierhaltung halten müssen und stand allein auf weiter Flur. Wenn nun schon der Lehrer im Vorfeld sagt, dass heute alle Bauern Massentierhalter sind, dann ist das Ergebnis der Referate schon vorgegeben. Mein Sohn war jedenfalls todunglücklich mit dem Vortragen seines Referates und wurde in der Klasse von dem Lehrer angeprangert. Es ist nicht das erste Mal, dass er aufgrund des Berufs seiner Eltern gemobbt wird. Das kennt er schon. In ein paar Tagen haben die meisten Schüler wieder vergessen, dass er ein Massentierhaltersohn ist und finden neue Themen, über die sie lästern können. Aber er ärgert sich besonders über den Lehrer, der weiterhin auch andere Schüler mit seiner Massentierhaltungsverschwörungstheorie bekehren will.“

„Hallo! Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und fand es bis zur Grundschule richtig toll, weil ich viele Freiheiten hatte und Tiere, egal ob Schweine, Kühe, Katzen, Hunde oder Pferde, immer geliebt habe und immer noch liebe. In der Grundschule fing das Mobbing dann allerdings richtig an. Unser Kuhstall ist mit dem Haus verbunden, weshalb es natürlich immer nach Kuhstall gerochen hat. Dadurch rochen natürlich auch meine frisch gewaschen Sachen immer leicht nach Kuhstall. Viele Kinder kommen auch von Bauernhöfen oder wohnen in der Nähe davon, aber dadurch, dass unser Hof etwas außerhalb liegt und ich trotz Geschwister  (ca. 15 Jahre älter) fast als Einzelkind aufgewachsen bin, war ich das perfekte Mobbingopfer. Es hat sich durch die komplette Grundschule und Orientierungsstufe gezogen, dass ich Stinky genannt wurde oder die Kinder nur mit mir gespielt haben, wenn es für sie irgendeinen Vorteil gebracht hat. Ich habe als Kind sehr darunter gelitten und zum Dorf die Beziehung nahezu abgebrochen. Ich liebe den Hof meiner Eltern. Mittlerweile haben wir zwar außer ein paar Hühnern keine Tiere mehr, aber ich möchte meine Kindheit auf dem Hof nicht missen. Trotz der negativen Erlebnisse mit anderen Kindern, wünsche ich mir, dass meine Kinder genauso frei und mit genauso viel Umwelteinflüssen aufwachsen können wie ich. Zur Zeit lebe ich zwar berufsbedingt in der Stadt, aber es zieht mich und meinen baldigen Mann auf’s Land zurück. Er kommt genauso wie ich vom Bauernhof und hatte nicht mit solchen Anfeindungen zu kämpfen. Vielleicht weil er Freunde hatte, die wirklich zu ihm gestanden sind.“

„Moin Julia, wir waren in MeckPomm die Helden in der Schule. Meine Brüder waren erst auf einer Dorfschule bis zur 10. Klasse und da wusste jeder, wann es bei uns ne neue Spritze, einen neuen Mähdrescher usw. gab und natürlich auch mit welcher Schneidwerksbreite, ob das Teil schon selbst fahren konnte und wie das im Vergleich zum Nachbarbetrieb ist.“

„Hey Julia, mein Bruder wurde als Schweineficker betitelt. Und das täglich. Zu mir wurde gesagt, dass ich stinke etc. Mein zweiter Bruder wurde nicht geärgert. Meinen Nichten wird heute bisher nur gesagt, dass sie stinken. Beide gehen zur Grundschule. In der zweiten Klasse hat meine Nichte mit der Klasse einen Kuhhof besucht, einige Kinder durften von den Eltern nicht mit, weil sie sonst stinken würden. Ein paar Kinder waren voreingenommen und haben sich schlecht benommen. Die Kinder geben das wieder, was sie zu Hause hören. Früher lag es wohl eher an dem Bildungsstand der Familie. Heute hat sich das geändert. Die Wahrnehmung der Landwirtschaft und ihrer Produktionsverfahren ist kritischer geworden.“

Ja, was soll ich sagen. Zunächst war ich dankbar, dass sich so viele Menschen mir gegenüber geöffnet haben und von ihren Erfahrungen berichteten. Gleichzeitig nimmt es mich aber doch ziemlich mit, denn unsere Kinder können sicher nichts für den Beruf, den sich ihre Eltern ausgesucht haben.

Ich ziehe für mich als persönliches Resümee aus der Geschichte, dass ich mich in dem Bereich der „landwirtschaftlichen Früherziehung“ und der Kommunikation unseres Berufsstandes noch mehr engagieren werde, denn unsere Kinder sind unsere Zukunft. Wenn die das Vertrauen in uns Bauern verlieren, dann bin ich meinen Job los. Klare Sache.

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