Das Projekt „AgrarScouts“ des Forum Moderne Landwirtschaft e.V. (FML) hat sich mittlerweile zu einer festen Größe in der Landwirt-Verbraucher-Kommunikation etabliert. Wir haben Projektleiterin Henriette Keuffel gefragt, was eigentlich dahintersteckt.

Die Gesichter der modernen Landwirtschaft

Das Projekt „AgrarScouts“ des Forum Moderne Landwirtschaft e.V. (FML) hat sich mittlerweile zu einer festen Größe in der Landwirt-Verbraucher-Kommunikation etabliert. Wir haben Projektleiterin Henriette Keuffel gefragt, was eigentlich dahintersteckt.

Was sind denn die AgrarScouts eigentlich?

Das sind in erster Linie verdammt coole Typen und Helden des landwirtschaftlichen Alltags. Fast alles Landwirtinnen und Landwirte, die der modernen Landwirtschaft ein Gesicht geben wollen. Sie brennen für ihren Beruf und kommunizieren das auch nach außen.

Welche Aufgaben haben sie?

Das Ziel des Projekts ist, dass die AgrarScouts auf Veranstaltungen und AgrarScouts-Aktionen mit Verbrauchern ins Gespräch kommen und über ihre ganz individuellen Geschichten und Erfahrungen die moderne Landwirtschaft den Menschen wieder näherbringen. Dabei spricht ein AgrarScout nicht für das FML, sondern für sich, seinen Betrieb und seine Alltagserfahrungen. Mit einem Landwirt, der von seinem Hof und seinem Alltag erzählt – der echt für die Landwirtschaft brennt – identifiziert man sich als Nicht-Landwirt viel eher. Dabei geht es dann allerdings nicht darum, Verbraucher mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, sondern ihnen Face-to-Face zu erzählen, wie moderne Landwirte wirtschaften und was heutzutage eben so alles zur Landwirtschaft dazugehört. Diese Veranstaltungen und Aktionen organisieren wir seitens des FML und freuen uns über immer mehr Zuspruch seitens der AgrarScouts dabeisein zu wollen.

Henriette aka Hetti leitet das Projekt AgrarScouts des Forum Moderne Landwirtschaft. Foto: FML

Auf welchen Veranstaltungen sind die Agrarscouts unterwegs?

Die bekannteste ist wohl der ErlebnisBauernhof auf der Internationalen Grünen Woche, mit dem das AgrarScouts-Projekt 2016 an den Start gegangen ist. Wir sind aber auch bei vielen großen Stadtfesten unterwegs, zum Beispiel in Stuttgart, Dresden oder Hannover. Oder auch mit kleineren Aktionen in Innenstädten und in Supermärkten. Interessanterweise kommen wir im nicht-landwirtschaftlichen Kontext am besten mit den Verbrauchern ins Gespräch, weil sie uns dort nicht erwarten. Da entsteht vielfach ein schöner Überraschungseffekt „Oh, ein Landwirt im Supermarkt“ und die Leute nehmen die Gelegenheit, mit ihm oder ihr zu sprechen, dann gerne an. Daher findet man die AgrarScouts weniger auf brancheninternen Veranstaltungen.

Was fällt Dir bei der Landwirt-Verbraucher-Kommunikation am meisten auf, wenn ihr mit den AgrarScouts unterwegs seid?

Dass die Bevölkerung ein sehr verzerrtes Bild von der modernen Landwirtschaft hat, weil schlichtweg die Berührungspunkte im Alltag dazu fehlen. Jeder von uns berührt zwar mehrmals täglich den Kühlschrank und Wurst, Milch und Käse beispielsweise, aber das Wissen über die Arbeit, die in den Produkten steckt, liegt gefühlt im Eisfach. Dieser Moment, wenn dann jemand bei einer Aktion zu uns sagt: „Danke! Das wusste ich so gar nicht!“ Oder „Ach, so ist das also!“, dieser Moment ist unbezahlbar. Dahingehend fällt mir tatsächlich am meisten auf, dass viele Gesprächspartner sich für den Austausch mit uns AgrarScouts bedanken. Die sind happy, dass sie ihre Fragen mal einem Praktiker stellen konnten, anstatt aus drei verschiedenen Zeitungen drei Antworten zu bekommen.

Welches ist die schönste Geschichte, die Dir im Zusammenhang mit den AgrarScouts einfällt?

Das war jetzt 2019 in Dresden beim Canaletto-Stadtfest. Mit unserem Ackerbau-Container und insgesamt über 14 AgrarScouts standen wir zwischen Bierwagen, Wurstbuden und altehrwürdiger Frauenkirche. Als AgrarScout mit dabei unter anderem auch Sven. Sven hat zu Hause Ackerbau und Legehennen. Gleich am ersten Tag kam eine sehr kritische ältere Dame auf ihn zu und hatte große Vorwürfe gegen die heutige Landwirtschaft. Sven und die Dame haben sich aber respektvoll über eine halbe Stunde sehr angeregt unterhalten. Am zweiten Tag kam sie gleich nochmal und hat explizit nach Sven gefragt; sie hatte ein bisschen gegoogelt und wollte ihre Fragen loswerden, Fragen zur Landwirtschaft und dem FML, jetzt war auch sie deutlich empathischer als zuvor. Und am dritten Tag kam sie nochmal wieder, fragte wieder nach Sven und bedankte sich bei ihm dafür, dass er ihr so viel Input gegeben hat, ihr ruhig zugehört hat und betonte, dass sie doch sehr beeindruckt von den AgrarScouts sei, die ihre wenige Freizeit für den Verbraucherdialog „opfern“.

Wie hier in Dresden ist Hetti auch selbst als AgrarScout im Einsatz. Foto: FML

Welches ist denn der größte Fehler, den Landwirte in der Kommunikation mit Verbrauchern so machen?

Sich bei pauschalen Behauptungen persönlich angegriffen fühlen.

Und was kann man dagegen tun?

Wenn man angepampt wird, sollte man sinnbildlich einen Schritt aus der Situation zurücktreten und überlegen, warum das Gegenüber so aufgebracht ist. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber es klappt. Meistens antworte ich erstmal mit einer Gegenfrage, zum Beispiel „Warum sind Sie so aufgebracht?“ oder „Woher haben Sie denn diese Information?“. Das gibt mir kurz Zeit, mich auf die Person zu konzentrieren und mein Gegenüber ist erstmal wieder am Zug, mir weitere Infos zu geben. Im Gespräch ist dann ein ganz wichtiger Lehrsatz: Konkret sein, nicht pauschalisieren. Man ist gut beraten damit, über sich und seinen Betrieb zu sprechen, statt über die deutschen Landwirte oder die Landwirtschaft im Allgemeinen. Die Leute sind eh viel mehr an dir und deiner Story interessiert. Und natürlich muss man die Meinung des anderen akzeptieren. Wenn er noch nie mit einem Landwirt gesprochen hat, dann weiß er es einfach nicht besser. Woher denn?

Wie bereitet das FML die AgrarScouts auf ihren Einsatz vor?

Die Landwirtschaft ist ein sehr komplexes Themenfeld mit vielen Fachbegriffen beispielsweise, und um diese verständlich rüberzubringen, bieten wir den AgrarScouts vor ihrem ersten Einsatz Kommunikationsschulungen an. In diesen Schulungen geht es aber um viel mehr, als nur um landwirtschaftliche Fachbegriffe, nämlich auch um menschliche Kommunikationsmuster und wie diese einem auch im Alltag für ein gutes Miteinander behilflich sein können. Die Schulungen werden von Kommunikationsexperten mit und ohne landwirtschaftlichen Hintergrund durchgeführt. Außerdem machen wir da auch Praxisübungen zum Thema Empathie oder Fachbegriffe umschreiben, damit sie auch ein Nicht-Landwirt gut versteht. Am Tag danach geht’s dann direkt auf die Veranstaltung.

Gibt es darüber hinaus auch Schulungen?

Jawohl! Einmal im Jahr organisieren wir die AgrarScouts-Akademie, wo Themen aus der Grundschulung vertieft und aktuelle Themen aufgegriffen werden. Hoch im Kurs sind aber immer die Live-Schaltung vom Hof, also das Sprechen vor laufender Kamera und so Sachen wie Social-Media-Workshops.

Wie viele AgrarScouts gibt es denn eigentlich?

Mittlerweile haben wir über 800 AgrarScouts in ganz Deutschland. Von 17 bis 70 Jahren ist alles dabei. Das ist eine coole Truppe an Leuten, die sich persönlich und ihre Betriebe weiterbringen wollen und sich nicht davor scheuen, sich durch kritische Gespräche weiterzuentwickeln. Daher wollen wir künftig auch regionale, kleinere Veranstaltungen machen, zum Beispiel Kamingespräche, bei denen die AgrarScouts die Möglichkeit haben, sich untereinander noch besser auszutauschen und persönlich voranzukommen.

Wer kann denn alles AgrarScout werden?

Alle Landwirtinnen und Landwirte und der Landwirtschaft Verbundene, die sich zur modernen Landwirtschaft sprechfähig fühlen, können AgrarScouts werden. Also diejenigen, die sich dazu in der Lage sehen, auch über kritische Themen offen zu sprechen. Dabei ist egal, ob konventionell oder bio. Denn wir wollen ja die Landwirtschaft darstellen, wie sie ist, und sie ist eben wahnsinnig vielfältig.

Wer selbst AgrarScout werden will, meldet sich am Besten direkt bei ihr. Foto: FML

Wie kann man AgrarScout werden?

Am besten einfach direkt bei mir melden!

Verpflichtet man sich als AgrarScout, eine bestimmte Anzahl an Veranstaltungen pro Jahr wahrzunehmen?

Das läuft alles ehrenamtlich, wir bezahlen die AgrarSouts nicht und unterstützen sie finanziell nur, indem wir Fahrt- und Hotelkosten übernehmen. Daher können und wollen wir nicht vorschreiben, wie viele Veranstaltungen jeder mitzumachen hat. Außerdem lebt das Projekt vom persönlichen Engagement eines jeden einzelnen. Und genau das ist es, was am Ende im Gespräch mit dem Verbraucher ankommt: dass die Landwirte von sich aus Bock darauf haben, sich auszutauschen!

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