Fräulein Deere rief Nicht-Landwirte dazu auf, ihr ihre Sicht auf die Landwirtschaft zu schildern. Daraufhin bekam sie einen freundlichen aber sehr kritischen Brief. Den teilt sie hier mit Dir, weil sie findet, dass jeder Landwirt darüber mal nachdenken sollte.

„Liebe Fräulein Deere“

Fräulein Deere rief Nicht-Landwirte dazu auf, ihr ihre Sicht auf die Landwirtschaft zu schildern. Daraufhin bekam sie einen freundlichen aber sehr kritischen Brief. Den teilt sie hier mit Dir, weil sie findet, dass jeder Landwirt darüber mal nachdenken sollte.

Julia Gillner alias Fräulein Deere, unsere Bloggerin!

Julia Gillner alias Fräulein Deere, unsere Bloggerin!

Liebe Hofhelden,

wie sehen eigentlich Nicht-Landwirte die Landwirtschaft? Weil ich das wissen wollte, habe ich auf meinem Instagram-Account einen Aufruf gestartet. Viele Nicht-Landwirte haben mir daraufhin geschrieben. Bei einem sehr langen, freundlichen, kritischen, aber konstruktiven Brief dachte ich „Wow! Das mal richtig, richtig geil!“ Das sehen ein paar meiner Landwirtskollegen wohl anders, aber ich finde es toll, dass sich jemand die Mühe macht, einen solchen Brief zu schreiben. Ja, man muss auch Kritik einstecken können. Nicht nur das, sondern auch überlegen, was man mit der Information anfangen kann und welche Schlüsse daraus gezogen werden können.

Ich habe lang drüber nachgedacht und muss zu den Punkten aus dem Brief sagen: sie hat Recht. Natürlich ist nicht jeder Landwirt so und es gibt sicherlich nicht „nur eine“ Ausnahme. Die Themen sind vielschichtig und auch von der Verbraucherseite ist nicht alles im grünen Bereich. Von radikalen Veganern, Tierrechtlern etc. mal abgesehen. Aber wenn man in einschlägigen Gruppen zum Thema Landwirtschaft mitliest, muss ich mir nicht nur einmal denken „Wenn wir so reagieren, brauchen wir uns nicht wundern“. Oft sind wir Landwirte schon unter uns nicht einig und schieben uns gegenseitig den schwarzen Peter zu. Was die Kunden dabei denken, ist offensichtlich.

Aber macht Euch doch selbst ein Bild des Briefs. Hier ist er in etwas gekürzter Fassung:

Hallo Fräulein Deere,
(…) Zunächst will ich klarstellen, dass ein gutes Auskommen für Landwirte mein Wunsch ist. Ich will kein Bashing betreiben; richtig ist aber, dass ich einige Dinge sehr kritisch und verbesserungswürdig sehe.

Wenn ich mir anschaue, wie Landwirte sich auf Instagram, anderen sozialen Medien, aber auch bspw. in Fernsehtalkshows präsentieren, bekomme ich (…) ein sehr gemischtes Bild präsentiert. Die Bilder auf Instagram etc. geben einen schönen Teileindruck über Euren Alltag. Wenn ich dann aber anfange, Kommentare und Texte, die Diskussionen zu Bildern zu lesen, meistens von anderen Landwirten, dann denke ich mir manchmal: „Noch alle Latten am Zaun?“.
Bei diesen Diskussionen kommen meistens vier Hauptthemen heraus:
1. Scheiß Politik
2. Scheiß Verbraucher: keine Ahnung; wollen nix bezahlen
3. Landwirt ist der wichtigste Beruf der Welt; no farms, no food
4. Welcher Trecker ist der Beste?
Zur Politik kann ich mich nicht wirklich äußern. Ich verfolge das nicht en détail und kann nicht bewerten, ob ihr gegängelt werdet, ob die Auflagen unerfüllbar oder zu teuer sind. Mein Gefühl ist ja, aber wie gesagt: kann ich schlecht einschätzen.

Zu den anderen Punkten möchte ich aber gerne meine Meinung teilen.
Es kommt leider so rüber, dass die Mehrheit der Bauern großes Misstrauen, z.T. sogar Verachtung für die Verbraucher haben. (Ich nehme an, dass diese Bauern auch denken, dass Verbraucher sie verachten.) Ein „normales“ Unternehmen könnte sich so eine Sichtweise überhaupt nicht leisten. Jedes Unternehmen muss die Konsumenten mitnehmen und überzeugen, die hergestellten Produkte zu kaufen. Nur dann kann man erfolgreich sein. Und da kann ich als Bauer auch nicht sagen „ja, aber die finden Bauern ja doof und dreckig und die machen Tierquälerei“ – selbst wenn das so ist und die Konsumenten so denken, muss ich trotzdem die Kunden überzeugen. Das ist in jedem Dienstleistungsberuf auch nicht anders (…). Oder ich lasse es sein, dann verkaufe ich aber auch nichts.

Haben Verbraucher Ahnung? Nein, natürlich haben sie keine Ahnung, was ihr für diverse und vielschichtige Aufgaben habt. Sie haben keine Ahnung, welche Auflagen ihr erfüllen müsst. Sie haben keine Ahnung, wie lange eine Kuh kalbt. Sie haben keine Ahnung, wann man Saatgut ausbringt. Sie haben keine Ahnung, wann ihr Regen braucht. Aber ganz ehrlich: das ist auch nicht die Aufgabe des Verbrauchers das alles zu verstehen. Schlimm finde ich, wenn dieses Wissen und die schiere Masse an Aufgaben von Seiten der Bauern zur Abschottung genutzt wird, so nach dem Motto: „Ihr habt eh kaum Ahnung, also haltet mal schön die Klappe!“ Das ist sehr häufig der Tenor in Insta- oder Facebook-Kommentaren (s.o.) Klar, ihr habt ein Wissen, das andere nicht haben. Aber ihr wisst auch nicht, wie man Organe transplantiert. Ihr wisst auch nicht, wie man eine Supply Chain managed. Ihr wisst auch nicht, wie man Haare schneidet. Jeder hat nun mal ein spezifisches Wissen, welches im Beruf angewendet wird. Bei den Bauern kommt aber dann häufig das Argument Landwirt sei der wichtigste Beruf der Welt. Das ist für mich Phrasendrescherei. (Es wäre auch Phrasendrescherei, wenn das ein Bäcker oder Manager sagen würde.) Ist Arzt weniger wichtig als Landwirt? Ist Landwirt wichtiger als Grundschullehrer? Das kann man doch objektiv gar nicht beantworten (…). Wenn man so etwas hört, egal von wem, Arzt oder Bauer, bekommt man doch den Eindruck: überschätzt sich selbst, will sich wichtigmachen, hat gar keinen Respekt vor anderen Berufen. Solche Phrasen sind also nicht nur nicht richtig, sondern auch kontraproduktiv.

Klar, ohne Nahrungsmittel wird es schwierig 🙂 Aber durch das Höfesterben der letzten Jahre in Deutschland: musste irgendjemand von den mehr als 7.000.000.000 Menschen auf dem Planeten mehr Hunger leiden, als davor? Ich würde behaupten nein. Der Markt fängt das auf.

Ein weiteres Thema ist der Punkt: die Verbraucher wollen nicht viel bezahlen. Diese Verallgemeinerung ist einfach dumm. Bei keinem Produkt der Welt kaufen 100% der Verbraucher die günstigste Variante. Menschen kaufen nicht nur bei Primark, sondern auch bei Boss. Menschen buchen nicht nur Jugendherbergen, sondern auch Vier-Sterne-Hotels. Es gibt eben unterschiedliche Segmente mit unterschiedlichen Zahlungsbereitschaften. So ist es doch auch bei Lebensmitteln.

Das Problem für die Verbraucher, die gerne mehr für mehr Qualität und für eine Unterstützung der Bauern zahlen (dazu zähle ich mich auch): wie mache ich das denn konkret? Da seid ihr und eure Verbände sehr schwach drin, das mal klarzumachen. Wenn ich nicht die 50 Cent-Milch kaufe, sondern die für 1,10 €, bekommt ihr dann mehr? Oder bleibt die Marge bei Handel und Molkerei? Ist die Fleischqualität besser, wenn das Tier von einem deutschen Kleinbetrieb vs. einem deutschen Großbetreib kommt? Sind deutsche Eier besser als polnische? Es fehlt komplett die Transparenz für den interessieren Verbraucher.

Last but not least, das Thema Trecker und Maschinen. Ich mache das kurz. Ich kann nachvollziehen, dass es Spaß macht mit den Maschinen umzugehen. Von außen bekommt man aber den Eindruck, dass die Frage Fendt oder Claas die wichtigste Frage unter Landwirten ist. (…) Das finde ich unmöglich und es ist doch logisch, dass der unwissende Konsument denkt: „Mensch, die fahren die neusten und teure Maschinen von großen Marken, so schlecht kann’s denen ja nicht gehen.“ (…)

Zum Abschluss: ich finde es gut, dass sich einige Bauern auf Instagram etwas „öffnen“ und versuchen Transparenz zu schaffen und zu Informieren. Das ist für mich wertvoll, allerdings ist das häufig ein Monolog und kein Dialog. Monolog deshalb, weil ihr Medien nutzt um zu erklären, um Eure Sichtweise darzustellen, um Euren Alltag zu schildern. Die Frage ist aber: ist das genau das, was der normale Konsument wissen möchte? Oder interessiert die überhaupt nicht, wie Euer Arbeitsalltag aussieht? Interessiert sie vielleicht eher Fragen zu Qualität von Lebensmitteln, Preisbildung, o.a.? Es wird erst dann zu einem Dialog, wenn angefangen wird mit Verbrauchern zu sprechen, mit Leuten, die nicht in der Landwirtschaft sind. Deren Fragen gilt es zu beantworten. Und ja, da wird es auch kritische Fragen geben. Aber nur dann gibt es auch wirklich neue Erkenntnisse und Impulse, die man anwenden kann. (…)

Was denkt Ihr über den Brief? Regt er Euch zum Nachdenken an, oder ärgert Ihr Euch eher darüber?

Ich freue mich auf rege und vor allem konstruktive Diskussionen mit Euch,

Eure Fräulein Deere

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